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Ein Ausflug in die – neue – Welt der Viren – zumindest kenne auch ich die noch nicht so lange

Viren sind für Nicht-Biologen oder -Mediziner vermutlich etwas sehr Abstraktes, dem in den Nachrichten und anderen Medien eine Form gegeben wird, die sich aus biologischer Sicht ziemlich einseitig – als mehr oder weniger gefährlicher Parasit – darstellt. Deshalb möchte ich dieses Bild hier ein wenig erweitern.

Viren sind zunächst einmal keine Lebewesen mit einem eigenen Organismus, den man lahmlegen bzw. töten könnte. Sie bestehen im Prinzip aus Genmaterial und einer Hülle, und sie sind daher zu ihrer Vermehrung auf Lebewesen, z.B. auch schon auf Einzeller, angewiesen, die dann sozusagen die Fortpflanzungsarbeit für sie übernehmen können. Ob sich Viren unbedingt fortpflanzen und ausbreiten „wollen“, gegebenenfalls dafür den Tod ihres Wirtes (so nennt man in der Biologie einen Organismus, der einen anderen beherbergt) in Kauf nehmen, oder ob sie einfach ein gemütliches Plätzchen suchen, an dem sie bleiben können, das haben sich meines Wissens erst wenige Wissenschaftler gefragt, also auch nicht unter diesem Aspekt geforscht. Diejenigen, die ihr ursprüngliches – das heute verbreitetet – Bild von Viren derart erweitert haben, sind mittlerweile eher bei einem der Symbiose von Virus und Wirtsorganismus gelandet. Symbiose bedeutet, dass das Zusammenleben normalerweise beiden Partnern auf Dauer Vorteile bringt, und unterscheidet sich stark vom Bild der Viren als Parasiten, denen unterstellt wird, sich auf Kosten ihres Wirtes zu verbreiten oder auch – vor allem die „ganz Bösen“ unter ihnen – seinen Tod in Kauf zu nehmen.

Wenn ich mir die Natur anschaue, welche Arten sich wohin, wann und wie stark ausbreiten, fortpflanzen und dabei Tote hinterlassen, fällt mir vor allem dieses Schema ein:
Neuankömmlinge auf einem schon besetzten Territorium, und in der Natur gibt es kaum völlig unbewohnte, können dieses nur einnehmen, wenn sie dessen Bewohner vertreiben, töten oder sich friedlich mit ihnen arrangieren, sozusagen symbiotisch in einer gemeinsamen Umwelt zu leben. Wenn es genug Nahrung gibt, tendieren Lebewesen dazu, sich schnell zu vermehren , so dass der eingenommene Platz eng werden kann und sich auch die Nahrungsgrundlage für alle erschöpft.
Dann kann
1. die Population vor Ort zusammenbrechen. Entweder verhungert nämlich ein Teil der Gruppe oder das allgemeine Stresslevel und die Aggressivität auf engem Raum, wenn sich zu viele Individuen, auch wenn sie derselben Art angehören, miteinander arrangieren müssen, steigen derart an, dass oft Krankheiten auftreten und untereinander Kämpfe stattfinden oder sogar gezielt getötet wird. Dadurch sinkt die Anzahl der Individuen an einem Ort wieder.
Oder
2. ein Teil der Gruppe verlässt rechtzeitig das „sinkende Schiff“ und erobert neue „Kontinente“.
Die mit dem größten Durchhaltevermögen haben am Ende – falls das Gebiet durch die zu große Ausbeutung nicht unbewohnbar hinterlassen wurde – auf jeden Fall wieder genug Platz und Nahrung. Solange sich an einem Ort, in einem Ökosystem, kein stabiles Gleichgewicht einstellt, wird ein solcher Zyklus stets neu ablaufen.

Genauso wie „richtige“ Lebewesen scheinen sich auch Viren zu verhalten.
Wenn sie es im Laufe der Geschichte des Lebens allerdings immer wieder geschafft hätten, alle die Orte, die sie besiedeln, unbewohnbar zu hinterlassen, ihre Wirte also umzubringen, bestünde die Erde vermutlich nur noch aus Viren, die keinen einzigen Wirt mehr hätten, um sich weiter zu vermehren. Es wären dann zwar unvorstellbar viele – obwohl sich schon heute vermutlich die wenigstens auch nur annähernd vorstellen können, wie viele tatsächlich unter uns „leben“ -; aber zu tun hätten sie ja auch nichts mehr, weil sie ohne Wirt gar nichts tun können.

Es scheint fast so, als hätte sich die Natur etwas einfallen lassen, um das zu verhindern: Sie hat Lebewesen mit einem Immunsystem ausgestattet (bzw. ich würde eher sagen, es hat sich im Zusammenspiel mit Viren überhaupt erst entwickelt!). Unser Immunsystem ist z.B. dafür zuständig, dass sich Viren in unserem Körper nicht ungehemmt ausbreiten oder ihn so einfach töten können, also sich im Grunde auch gar keinen Grund liefern, ihn wieder zu verlassen. Das vergessen vermutlich viele Menschen: dass sie irgendwann friedlich mit so gut wie allen Viren zusammenleben, die bei der ersten Begegnung für Krankheitssymptome gesorgt, krank gemacht haben – bis sozusagen an verschiedenen Stellen des Körpers, die Viren für sich beansprucht haben, die Fronten geklärt waren.

Bei bestimmten Herpesviren ist ja bekannt, dass sie sich im Körper einnisten und immer wieder, wenn das Immunsystem schwächelt, auszubreiten versuchen. Und da ja schon ein Mensch belagert ist, ist es sinnvoller, die Nachkommen gleich, über Bläschen, die aufplatzen, in die Umwelt zu entlassen. Die „Durchseuchung“ mit manchen Herpesviren wird auf nahezu 100% geschätzt. Ich vermute trotzdem, dass viele Menschen behaupten würden, sie hätten kein Herpes!

Andere Viren werden VirologInnenen zufolge sogar so ins eigene Genom integriert, dass sie gar nicht mehr nachgewiesen werden können. Wir sind dann völlig immun gegen dieses Virus, werden also nie mehr krank davon. Und manchmal bringen Viren, die im Laufe der Zeit Teile unserer DNA, Teil von uns geworden sind und uns somit resistent gegen diese Virusart gemacht haben, sogar noch weitere Vorteile, z.B. Resistenzen gegen andere Viren, mit sich.

Viren nachzuweisen ist generell gar nicht so einfach, wie uns die vielen verfügbaren Tests vielleicht glauben lassen: Sehen kann man sie nämlich erst unter einem Elektronenmikroskop. Bestimmte Viren in einem Körper zu suchen ist noch aussichtsloser als Nadeln im Heuhaufen. Zumal man einen ganzen Menschen meines Wissens auch gar nicht elektronenmikroskopisch untersuchen kann (weshalb ich übrigens auch immer noch skeptisch bin, dass die Modelle, mit denen die Infektion, so wie sie im Körper stattfindet, und die Verbreitungswege der Viren erklärt werden, schon voll erfasst haben, was tatsächlich bei Virenepidemien bis zur sogenannten Herdenimmunität, die früher oder später immer eintritt, abläuft …). Jedenfalls wird – um bei dem Vergleich Heuhaufen zu bleiben – ein Magnet eingesetzt, um die Nadeln, bestimmte Viren, zu finden: ein Test, der ihre DNA nachweist. Auch wenn diese Tests als Goldstandard angepriesen werden, können sie natürlich versagen, v.a. wenn an Stellen gesucht wird, an denen die Viren gar nicht vorkommen (z.B. weil die Immunabwehr dort funktioniert), oder die „Magnete können Metall anziehen, das aber gar keine Stecknadel ist“, die Tests können also DNA nachweisen, die gar nicht von den gesuchten Viren stammt, also ein falsch-positives Ergebnis anzeigen. Außerdem gibt es für mich keinen plausbilen Grund, also keinee Beweise dafür, dass EIN Virus allein unter unzähligen für eine bestimmte Erkrankung verantwortlich sein soll, warum also auch Impfungen gegen einzelne Viren vor bestimmten Erkrankungen schützen sollen, wenn sie sehr wahrscheinlich gar nicht alleine verantwortlich für ein bestimmtes Krankheitsbild sind.

Ich verstehe weder, warum man sich von den verfügbaren Tests etwas versprechen soll – also warum TestherstellerInnen Behauptungen damit anstellen dürfen, wenn ihre Tests bestimmte Viren nachweisen -, noch die Maßnahmen, die gerade gegen die Ausbreitung des Corona-Virus getroffen werden. Es kann nicht darum gehen, überhaupt nicht in Kontakt mit dem Virus zu kommen, denn das ist in unserem Alltag für alle, die sich nicht allein in einem Kellergeschoss verschanzen möchten, völlig unmöglich, sondern nur, gleichzeitige Kontaktmöglichkeiten so zu beschränken und die Virenverbreitung möglichst lange hinauszuzögern, also die Verbreitungsgeschwindigkeit einzudämmen – damit nicht zu viele Menschen auf einmal krank werden und das Gesundheitssystem überfordern. Denn Viren lösen sich nicht wieder in Luft auf und wir werden in Zukunft alle damit klarkommen müssen, wenn wir uns nicht von Natur und Umwelt abriegeln wollen. (Was vermutlich auch nicht gesundheitsfördernd wäre, da jeder Körper ein buntes Mosaik aus Viren, Bakterien und menschlichen Zellen ist; in meinen Augen ein eigenes Ökosystem, das kippen kann – aber dazu ein anderes Mal).
Im Laufe der Evolution haben uns Viren vielleicht zu dem gemacht, was wir heute sind; alle anderen, die es nicht geschafft haben, mit Viren zu leben, sind heute tot bzw. als Art ausgestorben.
Dass besonders alte, kranke, arme, unterversorgte Menschen heutzutage die schlechtesten Chancen, also die anfälligsten bzw. anderweitig schon am meisten geforderten Immunsysteme haben, um sich gegen Viren zu behaupten und ihre Ausbreitung im eigenen Körper unter Kontrolle zu halten, das ist klar. Aber dass, um Menschen, die intensivmedizinische Betreuung brauchen, wenn sie sich tatsächlich infizieren, zu schützen, alle anderen gleichzeitig davon abhält, im Alltag weiterhin mit vielen unterschiedlichen Viren in Kontakt zu bleiben, das halte ich aus biologischer Sicht auf längere Sicht für gefährlich, vor allem für die Gesundheit der jüngeren Generationen: Die Natur arbeitet nach dem Prinzip „Use it or lose it“, nur was gebraucht wird, sozusagen einen Nutzen hat, bleibt auch erhalten. Und auch wenn nicht-genutzte Körperfunktionen nicht unwiederbringlich verloren gehen müssen, sondern in einen Standby-Modus verfallen können, der sich auch wieder aufheben ließe, ist das WIE oft nicht klar und die Nachwirkungen eines zwischenzeitlichen Stillstands unvorhersehbar.

Ich habe leider keine besseren Vorschläge; aber ich hoffe wirklich, dass sich den mehr Panik verbreitenden als beruhigenden „Krisenmanagern“ bald etwas – aus biologischer Sicht – Sinnvolleres einfällt. Um meiner und auf längere Sicht bestimmt auch der Gesundheit der meisten anderen willen.
Es wird keine Lösung geben, die von Vornherein allen gefällt, die gibt es vermutlich nie.
Aber in demokratischen Ländern könnten die Bürger vor allem erst einmal gefragt werden, ob sie überhaupt völlig abgeschottet werden oder lieber in Kauf nehmen wollen, vielleicht ein paar Tage das Bett zu hüten und sich auszukurieren, falls das Virus überhaupt irgendwelche Symptome bei ihnen hervorruft (denn die scheint es ja oft gar nicht zu geben!). Ob sie sich gegebenenfalls auch um kranke Großeltern kümmern würden, damit nicht jeder leichtere Pflegefall im Krankenhaus landen muss und Platz und Zeit bleibt für die, die wirklich intensive Betreuung brauchen.
Aber in einer Gesellschaft, in deren Köpfen tief verankert zu sein scheint, dass jede/r, die/der mit einem Virus Kontakt hatte, auch – zumindest zum Testen – beim Arzt oder auch im Krankenhaus landen muss, mit einem „Gesundheitssystem“, das nicht von Gesunden, sondern von Kranken lebt, mit unserer Politik und unserem Wirtschaftssystem, das völlig andere Schwerpunkte als die dauerhafte Gesundheit von Menschen hat, ist das vermutlich zu utopisch gedacht. Ich hab‘ trotzdem noch mehr nachgedacht… über Angst VOR Ansteckung; und zu lesen gibt es das hier bestimmt in Kürze!

 

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Dank für das Foto gebührt CDC on Unsplash!