Der Mensch ist nicht für ein streng geordnetes Leben in großen (und einfarbigen oder weißen) Freiräumen gemacht

Warum ich wette, dass minimalistisch-lebende Menschen die Liebe oder zumindest Tendenz zum Chaos, das jedes Leben erst liebens- und lebenswert macht, nur in ihr Inneres verlagert oder digitalisiert haben

Menschen, die sich schlecht auf Dinge konzentrieren können, auf die sie ihren Fokus setzen möchten (weil sie ihnen z.B. selbst gut tun), wenn gleichzeitig zu viel Ablenkung herrscht, lieben minimalistische Formen oder große, leere Räume, in denen nur wenige farbliche Akzente gesetzt sind.
Wir alle können uns, wenn wir wollen, das Leben einfach machen und, notfalls mit mentalem Trainng, einfach alles weglassen, was uns – unsere Augen, unsere Ohren oder unsere anderen Sinnesorgane – stört bzw. sich schlecht für uns anfühlt.
Mit einem Leben in der Realität hat das wenig zu tun. Viel eher mit Realitätsflucht.

Natürlich ist unsere Welt viel zu voll mit Dingen und die meistern von uns besitzen unzählige unsinnige Dinge, die uns geschickte VerkäuferInnen angedreht bzw. mit ihrer Werbung schmackhaft gemacht haben (selbst wenn ihr Produkt ein reiner Giftcocktail ist), die nicht nur unsere innere Ordnung – unsere Selbstheilungskräfte – stören, sondern auch in der Natur ein Chaos anrichten, indem ihre Herstellung oder Entsorgung natürliche Kreisläufe stört.
Aber Menschen machen es nicht besser, wenn sie einfach nur

  • mehr Raum ganz für sich allein beanspruchen, in den sie sich zurückziehen können, um sich vor dem Chaos draußen absichern  zu können;
  • mehr Dinge entsorgen, ohne sich dafür zu interessieren, wo sie landen, oder
  • Werbung dafür machen, es ihnen gleichzutun – also Propaganda für Ordnung und/oder Leere zu betreiben.

Die Natur ist wie alle ihre BewohnerInnen weder immer ordentlich noch leer.
Es braucht immer auch Raum für das Chaos – innerhalb eines geordneten Rahmens; damit es nicht eskaliert.

Ich denke, es wird immer wieder genug Menschen geben, die hinterher das Chaos beseitigen, das andere angerichtet haben (die anfangs nicht den Eindruck erweckt haben als würden sie Unordnung mögen oder sie sogar mit brutaler Gewalt durchsetzen). Allerdings habe ich den Eindruck, dass das Bewusstsein dafür steigt, sich besser vor Menschen in Acht zu nehmen, die ein besonders vorbildliches, angeblich einfaches Leben führen (wollen) bzw. sich immer sehr ordentlich verhalten.
Es erfordert ein strenges Training und weiterhin enorme Selbstkontrolle, um von einem gesellschaftlich anerkannten nicht in einen natürlichen Zustand zurückzufallen, in dem Menschen sein dürfen wie sie wollen – solange sie damit keine anderen in ihren Freiheiten begrenzen.

Ich wette also nicht nur, dass – Dank verbesserter, nicht nur digitaler Möglichkeiten – immer mehr Unordnung vor anderen Menschen versteckt wird, sondern auch, dass sie irgendwann wieder an die Oberfläche kommen, vielleicht sogar – wie bereits wiederholt in unserer Menschheitsgeschichte, die von Menschen dominiert wird, die immer wieder für Recht und Ordnung sorgen wollten (und stattdessen Unrecht und chaotische Zustände in die Welt gebracht haben) – ausbrechen wird.

Als geborene Chaotin, die Dinge erst gerne wegräumt oder -wirft, wenn sie sicher ist, dass sie bzw. sonst irgendwer sie nicht mehr braucht, und Verhaltensökologin weiß ich, dass die Menschheit das, was jetzt ist, bzw. diejenigen, die jetzt regieren, noch braucht. Die Menschen brauchen – um in Zukunft zu wissen, was sie sich hätten (er-)sparen können – nicht nur das Wissen (und Warnungen), sondern eigene (schmerzhafte) Erfahrungen dazu, womit sie früher hätten aufhören, was sie hätten stoppen können  bzw. was sie früher hätten anfangen sollen, um nicht teures Lehrgeld bezahlen oder traurige Verluste hinnehmen zu müssen.

Es ist nie zu spät, mit dem Aufräumen in der Natur zu beginnen und wieder mehr Platz für sie zu schaffen.
Allerdings bin ich mir sicher, dass es nicht so leicht sein wird, Menschen davon zu überzeugen, die Wohnräume, die sich sich als Schutz vor ihr gebaut haben, wieder mehr mit ihr – nicht nur mit der Vorstellung von ihr, wie sie sein sollte – zu teilen bzw. wenigstens mehr anderen natürlichen Lebewesen Raum zu geben (keinen von Menschenhand nach Modellvorstellungen künstlich gezüchteten – domestizierten -, die lernen mussten, wie man sich innerhalb von geschlossenen Räumen ordentlich, unauffällig verhält, wenn man geduldet werden will).

 

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Dank für das Foto gebührt Sarah Dorweiler (auf Unsplash)!

 

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