Wer oder was hat den oder die denn geritten?

Wenn Menschen nicht verstehen, warum die Pferde mit ihnen oder anderen durchgehen (und daher auch weder wissen können, was sie wirklich wollen oder nicht, noch, wie sie freie Entscheidungen treffen und selbst vernünftig handlungsfähig bleiben können)

Als WissenschaftlerIn lernt man nicht nur, aufwändig zu experimentieren, sich also zu überlegen, wie sich etwas von Interesse unter kontrollierten, festgelegten, jederzeit wiederholbaren (Labor-)Bedingungen herausfinden lässt, sondern auch, – mehr oder weniger überraschend – neue Beobachtungen deuten zu müssen, die man noch nie vorher im Leben gemacht hat.
Je weniger Zeit WissenschaftlerInnen für ihre Arbeit bleibt, desto weniger neigen sie dazu, sich mit Dingen zu beschäftigen, deren Erklärung sie zu lange aufhalten würde – weil sie recherchieren müssten, um ihre Fragen dazu beantworten bzw. auch anderen Menschen (leicht) verständliche, nachvollziehbare Erklärungen liefern zu können.

Überraschungseffekte oder Daten, die überhaupt nicht zu erwarten waren bzw. lapidar mit den „Ausnahmen, die eine Regel bestätigen sollen“ abgetan werden können, werden in der Wissenschaft – wo Zeit wie überall sonst keine wertvolle Investition, sondern Geld ist, das jemand bezahlen muss – häufig stiefmütterlicher behandelt. Wenn das Augenmerk nur auf die „tatsächlichen“, nämlich die „eindeutigen“ Forschungsergebnisse gelenkt werden kann, die bestimmten Erwartungen oder Regeln folgen, und vor allem wenn niemand nachfragt, werden Menschen immer wieder von anderen oder etwas überrascht, was für diejenigen, die sich auch genauestens mit den „Ausreißern“ oder Standardabweichungen“ beschäftigen, längst klar ist.

Ich habe mir schon immer – wenn ich etwas nicht verstanden habe, aber nicht den Mut hatte, selbst nachzufragen – die Zeit genommen, um selbst so lange zu recherchieren, bis ich es mir erklären konnte. Für mich gibt es nichts auf dieser Welt, was sich nicht leicht verständlich machen und nachvollziehen lässt – man muss „nur“ den Ursachen der Beobachtung, für die man sich interessiert, auf den Grund, also in ihrer Entstehungsgeschichte weit genug zurückgehen, bis auf materieller geklärt ist, wie eins zum anderen geführt hat.

Viele Menschen, vor allem (Zukunfts-)Forschungsbegeisterte, interessieren sich allerdings wenig für die Vergangenheit – sie beschäftigen sich mit dem Jetzt und Heute, dem, was sie aktuell beobachten oder fühlen können, und wollen schnellstmöglich Lösungen für die Probleme unserer Zeit finden, ohne sich lange mit Ursachenfindung aufhalten zu müssen (vor allem, wenn sie dazu in ihre Angst vor dem Morgen hineingehen müssten). Solange es etwas gibt, was sie weiter antreibt, vermeiden sie es zurückzuschauen (und vielleicht in Nostalgie zu verfallen, weil früher für sie vielleicht doch auch vieles schöner als heute war).

Menschlicher Überlebenswille und Lebensmut oder –freude werden von Natur aus, völlig natürlich, angetrieben von (Glücks-)Hormonen und/oder (Angst-)Gefühlen. Solange Menschen – so wie übrigens auch alle anderen Tiere – etwas finden, was ihnen ein Gefühl von Glück verschafft oder ein Erfolgserlebnis – Freude – verspricht (also ihre Hormonproduktion ankurbelt) oder ihnen ihre Ängste nehmen (also Stresshormone abbauen) kann, sind sie in der Lage, sich immer wieder in den eigenen Hintern zu treten oder – zumindest eine gewisse Zeit lang – völlig überraschende Höchstleistungen zu erbringen, manchmal auch eine „Spontanheilung“ von einer lebensbedrohlichen Erkrankung zu erfahren .
Wer sich umfassend mit der menschlichen Physiologie beschäftigt, reichlich eigene Beobachtungen zu „Burnouts“ oder anderen Zusammenbrüchen und „plötzlichen und unerwarteten“, überraschenden Todesfällen gemacht hat und nachvollziehen kann, dass ein Körper, genauso wenig wie ein menschlicher Geist oder der Rest der Natur, unendlich viele, frei verfügbare Ressourcen hat, weiß auch, dass niemand ewig lange durchhalten kann, sich immer wieder wie ein – von Angst oder der Suche nach (mehr) Glück getriebenes – Rennpferd (oder Stehaufmännchen) zu verhalten.

Das eigene Lebensglück kann jede/r nur in sich selbst finden – nicht mit Suchen, sondern mit der Beseitigung der Dinge oder anerzogenen Glaubenssätze, der Aufarbeitung der traumatischen Erfahrungen, die zum eigenen Unglück geführt haben (indem sie das Vertrauen in die Natur und das Leben, den eigenen Körper und Geist und ihre Fähigkeiten, zerstört haben).
Ob die Angst, es (wieder) zu verlieren, berechtigt ist oder nicht, kann ich nicht sagen.
Für mich ist mein Leben das Wertvollste, was ich besitze. Aber für mich lohnt sich die Angst vor dem eigenen Tod nicht, weil er einerseits unumgänglich ist und ich ihn andererseits nicht für eine Strafe halte (die auch Unschuldige treffen kann), sondern für eine (Los-)Lösung vom eigenen Körper, also im Grunde auch eine Befreiung (von Leid und Schmerzen).
Weil ich allerdings unsicher bin, was mich danach erwartet, ich also noch möglichst viel Freude an meinem jetzigen Körper (und Geist, der eng mit meinem Gehirn bzw. meiner menschlichen Erkenntnisfähigkeit verbunden ist) haben möchte, muss ich mich immer auch wieder selbst zur Vernunft rufen und aufpassen, dass mein inneres Wildpferd weder unnötig oft mit mir durchgeht noch zu sehr im Zaum gehalten werden „muss“ (weil meine Gesundheit auch darunter leidet – vielleicht sogar annähernd stark wie unter den Folgen eines Sturzes, falls ich meine Fähigkeiten und Möglichkeiten überschätzt und es damit übertrieben habe, meine Schutzengel herauszufordern).

Es gibt unendlich viel darüber zu sagen oder zu schreiben darüber, wie sich unterschiedliche Menschen davor schützen können, dass ihnen ihre eigenen Hormone oder die Ängste anderer übel mitspielen. Am Ende kann jede/r nur selbst herausfinden, wie sich die eigene Lebensenergie – in Form von Kraft, Schnellig- oder Wendigkeit und Ausdauer; auf körperlicher, geistiger oder seelischer (emotionaler, intuitiver) Ebene – so nutzen lässt, dass man zufrieden mit sich und dem Rest der Menschheit ist – selbst wenn die völlig durchzudrehen scheint.

 

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Dank für das Foto gebührt Lazar Mihajlovic (auf Unsplash)!

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