Menschen, die zum Reden Ruhe und Bedenk- oder zumindest eine Vorlaufzeit brauchen …

…, haben meiner Meinung nach „nur“ Angst, dass sie einmal unüberlegt etwas Falsches – nämlich ihre ehrliche, von Gefühlen (oder einem schlechten Gewissen) gelenkte Meinung – sagen könnten

Zwanglos unterhalten kann man sich mit solchen – von Worten bzw. ernsten Gesprächen traumatisierten – Menschen also in erster Linie über unverfängliche Themen wie das Wetter, ihren Beruf (falls man Interesse daran hat), ihre Hobbies, ihre PartnerInnen oder Familien (falls man ihnen kein ehrliches Feedback dazu geben möchte).
Niemand, der oder die schnelle Antworten parat hat, sagt, was er oder sie denkt, sondern was er bzw. sie aus tiefstem Inneren heraus zu sagen bzw. gut vorbereitet, sich also antrainiert bzw. angewöhnt hat.
Spannend ist für mich, wie sie sich stattdessen – weil alle Menschen irgendwann Ventile für ihre Gefühle brauchen, die sie als soziale Wesen, für die Kommunikation (über-)lebenswichtig ist, anderen gerne mitteilen möchten – mit Farben oder in Bildern, Melodien oder Liedern (und Texten), die sie in Stille schreiben, ausdrücken.
Auch wenn ich – als Frau, die zwar schnell viel denkt, aber trotzdem häufig davor schon den Mund aufmacht und zu reden beginnt – vermutlich viele Erklärungen dazu bräuchte, um sie zu verstehen (weil mir persönlich erst ausgesprochene Worte Klarheit verschaffen) – kann ich mir oft meinen eigenen Reim darauf machen, was in ihnen vor sich geht. Mich überrascht heute selten etwas wirklich böse, also ohne Vorwarnung, was andere irgendwann einmal in Ruhe oder nach einer gewissen Vorlaufzeit – sehr wahrscheinlich über (verletzte oder nicht erwiderte) Gefühle oder ein schlechtes Gewissen – ein mit mir bereden wollen. Nur wagen sich das ohnehin (noch) nicht besonders viele Menschen außerhalb eines (z.B. von einer ärztlichen Schweigepflicht oder anderen Verschwiegenheitserklärungen) gesicherten Rahmens (oder des Internets).
Glücklicherweise habe ich den Eindruck, dass es mehr werden, die auch in persona offen und ehrlich miteinander reden (bzw. streiten).
Als Gesundheitswissenschaftlerin, die allen Menschen Gesundheit gönnt, freue ich mich darüber. – Denn ich bin überzeugt, dass es nicht nur ihnen, sondern der ganzen Welt gut tun wird, wenn mehr Menschen freiwillig Erklärungen abgeben für ihre Worte, die sie nicht ausreichend selbstständig bedacht oder recherchiert, aber trotzdem – voreilig – geäußert haben.

 

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Dank für das Foto gebührt Tim Mossholder (auf Unsplash)!

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