Freiheit oder Missbrauch (von Freibriefen)?

Wie viel Schmerz muss man – ohne lautstark darüber zu klagen – ertragen können, wenn sich Menschen allzu sehr (auf-)gehen lassen, weil sie sich frei entfalten wollen?

Mir tut es weh, wenn ich Menschen sehe oder reden höre, die die Natur in meinen Augen für ihre persönlichen Zwecke missbrauchen – weil sie kaum etwas darüber wissen, ihnen also niemand viel darüber beigebracht, sondern ihren Einfluss auf uns Menschen oder unsere Abhängigkeit von ihr eher (als Aberglaube) verleugnet hat.
Ich versuche seit meiner Jugend, darüber aufzuklären, wie jede/r einzelne von uns eigenständig dazu beitragen könnte, naturnäher und damit auch selbst gesünder zu leben.
Ich musste allerdings lernen, dass Menschen ihre Augen davor veschließen oder nicht zuhören (wollen), wenn man versucht, ihnen etwas zu zeigen oder zu erzählen, was für sie mit Verzicht bzw. einem Verlust (an Lebensqualität, nämlich völliger Entscheidungsfreiheit, die sie sich in ihrem Leben vermeintlich hart erkämpft haben) zu tun hat.
Dabei merken viele überhaupt nicht, wem sie bisher die Entscheidungen für ihr eigenes Leben „freiwillig“ überlassen haben, weil sie keine Kraft, Energie oder Ideen dazu hatten, sich dagegen zu wehren.
Manchmal sind es nicht einmal ArtgenossInnen, denen sich Menschen hinzugeben, also unterzuordnen bereit sind (im Glauben, dass es für sie Sinn macht, nicht auf ihre eigene Menschenwürde und Freiheit zu bestehen, deren Entscheidungen widersprechen zu dürfen). Oft sind es „niedere“ Tätigkeiten, die ihnen spätestens hinterher kurze, schnelle, persönliche Erfolgserlebnisse dafür bescheren, dass sie es durchgehalten haben, keinen Laut von sich zu geben, selbst wenn sie im Grunde lieber aufgeschrien oder laut um sich geschlagen hätten.

Wer sich selbst unterdrücken muss bzw. sich freiwillig von anderen unterdrücken lässt, ist kein freier Mensch, sondern ein Missbrauchsopfer.
Dass einstige Opfer selbst immer wieder zu TäterInnen werden, wenn sie nicht erkennen, warum sie häufig Gefahr laufen, sich – um ihren Schmerz bzw. inneren Druck unter Kontrolle zu halten – unfreiwillig in neue Abhängigkeiten begeben, ist hinreichend bekannt.
Worüber allerdings kaum oder gar nicht gesprochen wird, ist dass so gut wie alle Menschen auf dieser Erde in irgendeiner Weise davon betroffen sind – weil sie selbst abhängig von oder süchtig nach etwas sind bzw. nicht wissen, wie sie sich selbst davon befreien können, ohne dafür andere Menschen als MittäterInnen missbrauchen oder zum Schweigen darüber verpflichten zu müssen.

Natürlich haben alle Menschen das Recht zu schweigen – vor allem, wenn sie der Meinung sind, dass andere nichts angeht, was sie nur mit bestimmten Menschen teilen möchten, denen sie sich verbunden fühlen.
Wenn es allerdings um Freiheitsrechte geht oder darum, auf (Macht-)Missbrauch durch Menschen hinzuweisen, die – aus Gedankenlosigkeit oder weil sie versuchen, sich an unsinnige Regeln zu halten, die Menschen ohne gesunden Menschenverstand aufgestellt haben könnten – natürliche (Schmerz-)Grenzen übertreten, haben meiner Meinung nach alle Menschen die Pflicht, offen darüber zu reden (statt darauf zu hoffen, dass andere – die vielleicht „besser“ reden können – es irgendwann tun werden).
Die hefeartig aufgedunsenen Gesichter von Menschen, die behaupten, die (demokratischen) Freiheiten der Menschen zu verteidigen und zu schützen (statt ihre Positionen dazu zu missbrauchen, ihre eigenen zu sichern), erscheinen mir jedenfalls wenig vertrauenerweckend. Noch weniger, seitdem viele von ihnen sie zusätzlich „freiwillig“ – angeblich zum Schutz anderer – hinter einer Maske verstecken.
Zwar muss allen Menschen erlaubt sein, das eigene Antlitz vor anderen zu verbergen, aber sie dürfen sich nicht wundern, wenn ihnen andere den Zutritt zu ihren eigenen Räumlichkeiten verwehren. – Denn es ist immer verdächtig, etwas vor anderen zu verheimlichen, (sich) nicht offen(herzig) – frei(willig) – zeigen zu wollen. Es mag einen guten Grund wie ein entstelltes Gesicht geben, das anderen Menschen Angst einjagen könnte. Vielleicht denken sie – aufgrund eines gestörten Selbstbildes und Verhältnisses zu ihrem Körper – auch nur, dass sie andere mit ihrem eigenen Aussehen verletzen oder zumindesr unangenehm, unfreiwillig berühren könnten, selbst wenn sie sich ihnen körperlich gar nicht nähern müss(t)en.

Auch oder vor allem seelischer Missbrauch, der solchen Ängsten zugrunde liegt, hinterlässt tiefe Spuren – Wunden, die erst heilen können, wenn Menschen sich (innerlich) frei davon gemacht und aus der Abhängigkeit anderer gelöst haben, von denen er bewusst oder unbewusst ausging; vielleicht im Glauben, etwas Gutes dabei zu tun, gegen die (eigene) Natur zu handeln.

 

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Dank für das Foto gebührt Steward Masweneng (auf Unsplash)!

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