Lebenslang (professionell) betreutes – therapiertes – Leben

Wenn der moderne, menschengemachte (Arbeits-)Markt mit seiner Produkt- und Dienstleistungsvielfalt es regelt, dass Menschen immer unselbstständiger und verantwortungsloser werden, weil sie sich von fremden Begleiterpersonen oder DienerInnen – also TherapeutInnen (oder den von ihnen empfohlenen Therapeutika) – unterhalten bzw. durch ihr ganzes Leben führen (statt sich nur in Notsituationen von ihren Familienmitgliedern oder FreundInnen und Bekannten helfen zu) lassen

Ein Therapeut ist ein Helfer, zumindest wenn man der Übersetzung aus dem Griechischen Glauben schenkt, und ein Therapeutikum demnach ein Hilfsmittel für bestimmte Lebenssituationen.
Kein Mensch kommt ohne fremde Hilfe durchs Leben: ohne die Hilfe der Natur, in der

  • die Nahrung wächst, die wir verdauen können, um zu wachsen und uns zu entwickeln,
  • das Wasser fließt, das wir brauchen, um uns innerlich und/oder äußerlich zu reinigen,
  • die Lebensräume bzw. Materialien entstehen, die wir nutzen können, um uns Wohnungen darin bzw. daraus zu bauen.

Soziale Arten von Lebewesen wie Menschen neigen von Natur aus außerdem dazu, sich gegenseitig zu Hilfe zu eilen, also therapieren zu wollen, wenn sie sehen, dass andere – sogar artfremde Individuen, mit denen sie Mitgefühl empfinden können – sich in einer Notlage befinden und Hilfe brauchen, die sie leisten können. Zumindest tun sie das meistens – so lange sie die (jugendliche) Energie bzw. Kraft und Ausdauer dazu haben. Wenn Menschen allerdings feststellen, wie hilfsbedürftig sie selbst ohne andere sind, die ihnen in Notsituationen zur Seite stehen, wird vielen bewusst, in welche Bedrängung sie sich in ihrem Drang nach einem möglichst freien, von anderen unabhängigen Leben selbst(ständig) gebracht haben, von dem sie dachten, sie könnten es sich erkaufen bzw. mit Hilfe von GeldgeberInnen oder KundInnen erarbeiten: Entweder haben sie das Glück, dass andere in ihrer Nähe ihr Problem sehen oder Hilfe anbieten (können), nachdem sie ihnen davon erzählt haben, oder sie müssen gezielt andere – bekannte oder unbekannte Menschen – um Hilfe bitten.

Nur „moderne Menschen“ – Menschen,

  • die kaum mehr Zugang zur freien Natur und deshalb auch kaum Wissen über ihre Ressourcen und natürlichen (Regenerations-)Zyklen haben;
  • die sich nicht nach dem richten (können), was die Natur für sie an Ressourcen zur freien Verfügung bereithält, sondern sich am Angeboten orientieren, die ihnen andere Menschen machen;
  • die sich nicht lange oder zumindest selten mit dem zufrieden geben können, was sie gerade haben, sondern ihr Leben lang mit der Mode gehen (wollen), die ihnen als die aktuell gefragteste erscheint, weil andere Werbung dafür machen, sie also propagieren, oder
  • denen ein einfacheres Leben als das, was sie führen, nicht gut genug ist, weil sie sich dazu berufen fühlen, mehr aus sich oder daraus zu machen –
  • denken, dass es entbehrungsreich wäre, ihre täglichen HelferInnen und Hilfsmittel, an die sie sich gewöhnt haben, wieder aufzugeben (weil sie nicht in die finsteren Zeiten zurückwollen, aus denen die sie – vermeintlich – befreit haben).

Vielen Menschen genügen ihre PartnerInnen, ihre Familien oder anderen lokalen Lebensgemeinschaften nicht, um ihnen die Sicherheit (oder den inneren Frieden) zu geben, ihr Leben eigenständig bestreiten zu können. Sie brauchen zusätzlich

  • Arbeit- bzw. GeldgeberInnen, also zahlende KundInnen;
  • Betreuungseinrichtungen für ihre Kinder, Kranken und Alten;
  • Lehrstätten, an denen ihnen andere etwas beibringen oder vorbeten, damit sie das Gefühl haben, etwas zu lernen;
  • Sportstudios oder -vereine, um körperlich fit zu bleiben;
  • Auszeiten von ihrem Alltag auf Schönheitsfarmen, im Wellness- oder Abenteuerurlaub, weil ihnen ihr Leben zu wenig Abwechslung bietet;
  • ein Unterhaltungsprogramm, das ihnen immer wieder neue Lebensenergie gibt, weil sie nicht wissen, wie sie die – gemeinsam mit anderen Menschen – aus sich selbst bzw. aus dem, was schon da ist oder die Natur kostenlos zur Verfügung stellt – schöpfen können;
  • individuelle Absicherungen für Schadens- oder Krankheitsfälle und Pflegedienste für das eigene Alter, wenn sie verpasst haben, sich körperlich und/oder geistig fit genug zu halten und ein stabiles soziales Umfeld aufzubauen oder zu erhalten, um sich selbst, auch mit weniger eigenem Kraft- und Energieaufwand oder Durchhaltevermögen versorgen zu können.

Menschen, die

  • ihr Leben nicht selbst organisieren können,
  • nicht wissen, wie sie sich im Notfall mit Hilfe ihres sozialen Umfeldes selbst helfen könn(t)en, ohne auf viele Dinge angewiesen zu sein, die vielleicht erst am anderen Ende der Welt für sie angebaut oder hergestellt und angeliefert werden müssen,

brauchen viel fremde Hilfe von außen.
Sie sind darauf angewiesen, dass fremde Menschen Dinge für sie erledigen, die sie erst am Ende eines Produktions- und/oder Transportprozesses, den sie oftmals überhaupt nicht einsehen können, in ihrer Hand bzw. selbst nutzen oder sich zu Nutze machen können.
Sie müssen fremde Menschen um Hilfe bitten, die im Grunde gar nicht freiwillig helfen, sondern dafür bezahlt oder anders entlohnt werden (wollen), dass sie sich sozial verhalten.
Sie müssen sich mit dem zufrieden geben, was andere Menschen bereit sind, für Geld zu tun, bzw. was ihnen ihre Versicherungen an Entschädigungsleistungen dafür anbieten, dass sie selbst Geld in sie eingezahlt haben.
Sie müssen geduldig warten können, bis jemand Zeit hat, ihnen zu helfen, bzw. flexibel genug sein, um sich in der Zwischenzeit etwas anderes einfallen zu lassen.

Ich denke, ich weiß, warum Frauen immer noch häufig – wenn sie noch kein Opfer der modernen (Arbeits-)Welt geworden sind – gesünder alt werden, sich auch mit wenig Geld länger selbstständig versorgen können und ein höheres Lebensalter erreichen als ihre Männer.
Mich wundert es nicht, wenn viele von ihnen sogar oft noch einmal aufzublühen beginnen, wenn niemand mehr von ihnen begleitet, therapiert, werden möchte, sondern sie selbstzufrieden die Natur genießen oder täglich frei entscheiden können, mit wem oder sie ihre Zeit verbringen möchten.
Es ist für unser Überleben wichtig (und evolutionär bedingt), dass immer wieder die zuerst krank werden und aussterben, die nicht wissen, wie man nachhaltig gesund, glücklich und zufrieden mit sich lebt (vor allem wenn im Rest der Welt gar kein Frieden, sodern Krieg herrscht).
Am Ende hilft es allen, die – auf ihrer eigenen Suche (oder durch ihre eigene Sucht) nach (mütterlicher) Geborgenheit oder natürlicher Schöpferkraft – aus dem „Versagen“ ihrer Vorgängergenerationen lernen können (die „nur“ Zeichen ihrer Zeit waren, also symbolhaft dafür stehen, was kreative Menschen in dieser Welt anrichten können, wenn sie noch nicht über genügend Kenntnisse über die Folgen ihrer Handlungen wissen, es aber trotzdem wagen, sie auszuführen).
Heute ist es gut zu wissen, dass aus Liebe (und Freude und Vertrauen) mit der Zeit krankhafte Abhängigkeiten entstehen können und daraus sogar tödlicher Ernst, also eine Lebensbedrohung werden kann, wenn sich Menschen zu sehr auf die (zukunfts-)sicheren (Betreuungs-)Angebote – die Propaganda geschäftstüchtiger und einflussreicher Menschen (die es sich leisten können, Werbung für sich selbst zu machen) – verlassen.

 

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Dank für das Foto gebührt Philippe Leone (auf Unsplash)!

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