Wem hältst Du – womöglich gegen jede Vernunft – die Treue?

Wie Menschen sich mit Treueschwüren (oder dem Sammeln von Bonuspunkten) ihren freien Willen absprechen und stattdessen ein schlechtes (oder gutes) Gewissen machen (lassen)

Es ist schön zu wissen bzw. zu glauben, dass man FreundInnen oder eine/n oder mehrere PartnerInnen, Familienmitglieder, vielleicht ÄrztInnen oder HeilpraktikerInnen, ArbeitgeberInnen, VersicherungsagentInnen, PolitikerInnen oder Banken hat, die einem/einer – zumindest oder vor allem in Notfällen – immer treu zur Seite stehen und mit Rat und/oder Tat (oder materiellen Gütern wie Geld) weiterhelfen (werden oder könnten).
Wenn Menschen „gut“, also auf vielfältige, natürliche Weise sozialisiert wurden, also unter unterschiedlichsten anderen aufwachsen durften bzw. von ihnen liebe- und verständnisvoll erzogen wurden (weil alle Menschen, die wenige Lebenserfahrungen mit Gefahren haben, in die sie sich begeben könnten, dazu neigen, lebensgefährliche, gesundheitsschädliche „Dummheiten“ zu machen, wenn andere sie nicht darüber aufklären), haben sie von Natur aus nicht nur

  • Mitgefühl mit allen, die ihnen auf ihrem Lebensweg hilfreich zur Seite gestanden haben, sondern auch
  • das Bedürfnis, anderen, Hilfsbedürftigen oder in Not Geratenen, zu helfen.

Menschen bekommen ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihre Hilfe, die sie leisten könnten, verweigern.
Allerdings scheinen viele nicht zu lernen, wer in dieser Welt wirklich Hilfe oder Unterstützung dabei braucht, anderen zu helfen, bzw. wer ein Geschäftsmodell daraus entworfen hat, anderen das Gefühl zu vermitteln, Gutes zu tun, und gleichzeitig Nutzen daraus zu ziehen.
Bei modernen Geschäftsmodellen geht es nicht darum, dass ALLE Beteiligten hinterher zufrieden sind. Bei Geschäftsmodellen geht es darum, möglichst effizient, also sparsam zu arbeiten, aber dabei möglichst hohe Gewinne aus dem eigenen Zeiteinsatz zu erzielen. Denn: Zeit ist für viele in unserer Welt in erster Linie Geld (und Freizeit da, um hart verdientes Geld wieder auszugeben).

In der freien Natur gibt es keine Kosten-Nutzen- oder andere Modell-Rechnungen, um die eigene Lebenszeit nicht sinnlos zu verschwenden.
In der Natur tun alle intuitiv das, was ihnen in den Sinn kommt bzw. möglichst das, was getan werden muss, um wohlbehalten durch den Tag zu kommen und etwas daraus für die Zukunft zu lernen. Wer noch jung ist und sich zu naiv, „gutgläubig“ oder draufgängerisch verhält (statt sich an vertrauenswürdige Lebenserfahrenere zu halten), bezahlt dafür schnell mit dem eigenen Leben. Es gibt weder einen Glauben an das „Richtige“ oder „Falsche“, an „kostengünstigere“, sparsamere oder effizientere Lösungen oder daran, dass man jemandem ewig die Treue halten müsste, der einen selbst gezielt ge- bzw. die eigenen Erwartungen enttäuscht hat.
In der Natur verlieren diejenigen ihre einst „treuen Fans“, wenn sie ihnen nicht jeden Tag wieder das bieten, was sie ihnen versprochen haben (bzw. was die sich davon versprochen haben, ihnen die Treue zu halten.

Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen – neben anderen Rudel- oder Herdentieren, die alleine schlecht zurechtkommen oder keine Möglichkeiten kennen bzw. haben, sich ein anderes Rudel zu suchen oder in einer anderen Herde aufgenommen zu werden – besonders „treudoof“ sind, selbst wenn sie längst wissen könnten, dass sie von anderen für deren Zwecke ausgenutzt werden.
Meiner Erfahrung nach sind moderne Menschen die Lebewesen, die am meisten unter ihren ArtgenosInnen zu leiden bereit sind, die sich „freiwillig“ – weil sie es zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht besser wussten – so abhängig von deren „Dienstleistungen“ oder Produkten gemacht haben, dass sie sich ein Leben ohne sie überhaupt nicht mehr vorstellen können. Kein Wunder, dass den führenden Köpfen dieser Erde,

  • die anderen schon immer gerne vorgegeben haben, was ihrer Meinung das Beste für sie war/ist (ohne dass sie selbst bereit waren, die dazu  notwendige Arbeit zu übernehmen) und
  • von denen sich der Rest der Menschheit, der sich für zu ungebildet hielt/hält, um eigenständige, andere Entscheidungen treffen zu können oder ihnen widersprechen zu dürfen, schon immer gerne anführen und beherrschen ließ,

schon oft nichts Sinnvolleres mehr eingefallen ist bzw. schon lange nichts mehr, als natürliche „Suchtmittel“ wie Brot und (Karten-)Spiele – bzw. heute von großen Firmen in Fabriken hergestellten Drogen, die sie als „Lebensmittel“ tarnen dürfen, und Computerbildschirme zu nutzen, um diese zu beschäftigen bzw. ruhig zu stellen, wenn gar nicht genug Beschäftigung für alle mehr da war/ist. Mit deren Hilfe können sie sich nicht nur die Zeit und Energie sparen, den persönlichen Kontakt zu anderen Menschen oder zu ihrer Umwelt, Tieren, Pflanzen oder anderen Arten von Lebewesen und toten Materialien zu suchen, sondern völlig alleine, nur mit/gegen sich selbst spielen (und dabei keine Niederlagen vor anderen zugeben zu müssen), sondern sich sogar eigene virtuelle Welten, mit guten FreundInnen, perfekten PartnerInnen oder Haustieren und pflegeleichten, unzerstörbaren oder immer wiederbelebbaren Pflanzen und/oder vermeintlich sinnvollen – kreativen, spannenden oder entspannenden – Beschäftigungen erschaffen.

Es ist verlockend einfach, zu denken, man könnte sich blind und/oder ewig auf andere Menschen verlassen, die

  • es geschafft haben, einen guten ersten Eindruck zu erwecken,
  • einem über schlechte Zeiten hinweggeholfen bzw.
  • dabei unterstützt haben, bestimmte Hürden im Leben zu nehmen,

oder etwas wirklich und nachhaltig Gutes – außer Menschen bei etwas geholfen zu haben, was sie gerne damit erreichen wollten – bewirken, indem man eine Treuekarte zückt oder sich vertraglich an jemanden bindet.
Es ist vor allem einfacher als jeden Tag überprüfen zu müssen, ob man nicht selbst einen Fehler gemacht haben könnte, sich auf sie einzulassen und ihnen vielleicht nur mit Worten hätte Treue schwören sollen, – die sich relativ leicht mit einer ehrlichen Entschuldigung für das eigene Versagen oder einer ausweichenden Erklärung, um sich nicht selbst zu schlecht dabei zu fühlen bzw. vor dem/der anderen dazustehen, widerrufen lassen, sondern sich schriftlich mit der eigenen Unterschrift, also vertraglich, an sie zu binden (ohne von Anfang an eigene vertragliche Bedingungen festlegen zu können bzw. in Erfahrung zu bringen, ob/wie sich ein voreilig geschlossener Vertrag auch leicht wieder auflösen lässt.

Bevor Du Dir oder anderen also das nächste Mal etwas versprichst oder abverlangst, überleg‘ Dir genau, wie realistisch es ist, dass Du es auch morgen, nächsten Monat oder ein paar Jahre später – wenn Du viel Zeit gehabt hättest, darüber nachzudenken bzw. intensiv dazu zu recherchieren – noch dasselbe (Treue-)Versprechen geben oder von anderen fordern würdest, es Dir zu geben.
Es mag, – wie anfangs schon gesagt – ein schöner Gedanke, eine schöne Traumvorstellung sein, der bzw. die sich für die eine oder den anderen auch zeitweise erfüllen mag…
Davon auszugehen, dass Menschen die Zukunft mit – egal ob virtuellen, auf echtem Papier oder Kunststoffen geschriebenen, gedruckten oder eingravierten – Verträgen bzw. (Treue-)Karten in ihren Händen halten würden, ohne jeden Tag daran oder dafür arbeiten zu müssen, ist fern

  • jeder Realität,
  • jedes tagtäglich freien Willens (völlig neue Entscheidungen zu treffen) und
  • jedes Gewissens, möglichst oft (nicht nur dann, wenn man gerade Lust dazu hat oder das, was man dazu tun müsste, nicht allzu viel Kraft erfordert) vorsorglich eine Leistung dafür zu erbringen, dass man im Notfall auch eine im Gegenzug erwarten darf.

P.s.: Es ist nicht freundlich-zuvorkommend, wenn „UnternehmerInnen“ bzw. Menschen, die sich eine bestimmte Gegenleistung – eine Be- oder Entlohnung bzw. Aufwandsentschädigung oder zumindest ein Dankeschön, das sich für sie auszahlt, erwarten – von dem erwarten, Dir etwas schenken. Entweder bezahlst Du selbst oder andere in irgendeiner Form dafür (heute oft als Daten, die Werbeagenturen nutzen, um Produkte an den Mann oder die Frau zu bringen). Vor allem sehr junge, naive, oder in den Tücken des modernen Alltags unerfahrene, ältere Menschen, die sich von Treuegelübten oder anderen Versprechungen dazu verlocken lassen, Geld oder ihre Arbeitskraft zu „investieren“, und leider oft auch Menschen, die aus einem schlechten Gewissen heraus dazu neigen, Geld sparen oder anderen spenden zu wollen, also vor allem die Schwächsten in unserer Gesellschaft mit der geringsten Allgemeinbildung, müssten in meinen Augen besonders davor geschützt werden, dass andere sich auf ihre Kosten bereichern oder zumindest selbst ein schönes Leben machen – indem sie es sich mit ihrer Arbeit, egal ob ehrlich oder betrügerisch, für die sie ein bereits vorher berechnetes, gut kalkuliertes, und nur für sich selbst festgelegtes Entgelt verlangen, verdienen.

 

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Dank für das Foto gebührt Clay Banks (auf Unsplash)!

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