Wenn „Hundeprofis“ hartes Überlebenstraining mit ausgelassen-entspanntem „Spiel“ verwechseln

Oder wenn Menschen panische (Verlust-)Angstreaktionen für draufgängerische „Streitlustigkeit“ oder „Bösartigkeit“ halten

Wenn ich im Alltag die Meinungen vieler Menschen übereinander höre, habe ich oft den Eindruck, viele wissen weder viel über menschliche, körperliche Ausdrucksformen (die über den Inhalt ihres Gesagten hinausgehen) noch über Rollen, die Menschen in ihrem Leben (gelernt haben zu) spielen.
Deshalb wundert mich deren Meinung über Hunde noch weniger.
Ohne Mitgefühl und/oder Verständnis für die eigene Spezies – nicht nur für „Lieblingsexemplare“ – weil es durch (zu viele, vielleicht bereits frühkindliche) schmerzhafte Erfahrungen abgestumpfe und nicht bewusst gegengesteuert, also neues (Ur-)Vertrauen aufgebaut wurde – können sich Menschen leicht einreden, eine andere Tierart besser zu verstehen. – Für mich ist es aus biologischer Sicht unwahrscheinlich, dass dieses „Verständnis“ viel mit der Realität zu tun, dass also das „Gesagte“ oder anders „Kommunizierte“ wirklich das „Gemeinte“ einer anderen Art von Lebewesen ist, die man überhaupt nicht studiert hat.

Von Natur aus verhalten sich Hunde nicht immer gleich vorhersehbar, sondern in Gegenwart fremder Menschen oder Hunde anders als gegenüber denen, die sie bereits kennengelernt oder selbst „genauestens unter die Lupe genommen“ haben, so dass sie sie und ihre Reaktionen einschätzen können.
Hunde vertrauen wie auch Menschen in erster Linie sich selbst und ihrer Intuition – solange ihnen niemand schmerzhaft (mit Strafen oder so großen Verlockungen, dass sogar ein „gesunder Hundeverstand“ damit dauerhaft außer Kraft gesetzt werden kann) beigebracht hat, dass „Herrchen“ oder „Frauchen“ es besser weiß und dass entweder gar keine Gefahr droht oder es überhaupt nichts zu sehen gibt (obwohl es ihr Interesse geweckt hatte).

Ich weiß, dass Hunde wie Menschen in unserer modernen Welt angepasst leben müssen, damit sie sich nicht unnötig viele Probleme mit anderen einhandeln. Da man ihnen – selbst als „HundeversteherIn“ – den Sinn von Regeln aber noch weniger gut erklären kann als Menschen (die man wenigstens mit Freiheitsversprechungen durch die „Hilfe“ oder das Geld, das sie dafür bekommen, entlohnen oder trösten kann), wundert mich nicht, dass vor allem die kleinsten Rassen, die sich von „ihren Menschen“ behütet fühlen, besonders lange „glücklich“ leben – wenn sie mit fortschreitender Lebenszeit neben ihren zuchtbedingten Problemen keine zusätzlichen Stress-, also modernen Zivilisationserkrankungen (wie Essstörungen oder Allergien, Herz-/Kreislauf-, Nieren oder Schilddrüsenerkrankungen und Diabetes) entwickeln.
Mich wundert allerdings auch nicht, wenn Hunde dieselben gesundheitlichen  oder „Aggressionsprobleme“ wie die Menschen haben, bei denen sie leben.
Es gibt einen Grund, warum Menschen sich von Hunden angezogen fühlen und bestimmte Hunde auch von bestimmten Menschen, die ihnen den Eindruck vermitteln, ihnen ein schönes oder zumindest besseres Leben als bisher versprechen zu können.

Wie gut oder schön es tatsächlich wird, bestimmen heute viele unterschiedliche Hunde-ExpertInnen – je nach individuellem Bedarf findet sich auf jeden Fall eine/r – maßgeblich mit.
Ich begnüge mich nicht nur damit, Menschen, die sich für biologische Zusammenhänge interessieren, mit zusätzlichen Informationen zu versorgen oder ihren Alltag ein Stück zu begleiten – so dass sie die Möglichkeit bekommen, möglichst viele „Kommunikations- und Verständnisprobleme“ zu erkennen und selbstständig zu beheben. – Für mich gehört zur Tierliebe auch, ehrlich über menschlichen Irrsinn aufzuklären, z.B.

  • die Hundehaltung in Lebensräumen, die tagtäglich ihrer Gesundheit schaden – weil sie darin so gut wie keinen freien Bewegungsraum haben oder ihre natürlichen Bedürfnisse kaum noch ausleben können,
  • die Betrachtung von Hunden (oder anderen Tieren) als engere Familienmitglieder als Menschen, oder
  • eine Tierfütterung – egal ob mit Industriefutter oder möglichst naturbelassener Nahrung – ohne Wissen über die globale Lebensmittelproduktion und Hunger in der Welt, geschweige denn über ökologische Nachhaltigkeit.

Tiere haben unseren Respekt verdient. – Respekt bedeutet aber eigentlich auch, sie nicht willkürlich zu züchten oder zu LeidensgenossInnen in einem Leben zu machen, das Menschen nicht einmal alleine führen wollen.
Im Grunde macht es also Sinn, wenn zu ihrem Überlebenstraining irgendwann auch gehört, die Hand zu beißen, die sie füttert – wenn die Angst ums eigene Überleben in der Obhut von Menschen größer wird als ohne deren „Hilfe“.
Wir hätten es – als tierliebe Menschen mit Verständnis für andere, die Angst vor (bestimmten) Tieren haben – in der Hand, uns in unserem Leben etwas wirklich Vernünftiges, Zukunftsfähiges einfallen zu lassen, was allen unterschiedlichsten, tierischen und menschlichen Bedürfnissen (nach möglichst viel Freiheit, aber auch Sicherheit) entgegenkäme, wenn sie dabei ausreichend berücksichtigt und sinnvoll, z.B. zeitlich und lokal, sowohl getrennt als auch offen miteinander verknüpft wären (so dass es möglichst häufig, wenn auch nicht jederzeit möglich ist, einem anderen nachzugehen bzw. herauszufinden, ob man bereit ist, zur Abwechslung mal etwas Neues oder ganz Anderes auszuprobieren).
Stattdessen lassen sich noch sehr viele uns von viel „wichtigeren (ernsteren) Dingen“ beherrschen bzw. stressen und erwarten dann von Tieren (oder der Natur), dass sie für den Ausgleich dazu, zu ihrer (spielerischen) Erholung, beitragen. Für viele wird es vermutlich irgendwann dahin führen, dass sie feststellen, dass sie sich

  • einiges im Leben zu leicht vorgestellt haben, vor allem die Sorge um andere, die man liebt,
  • sich in sich selbst getäuscht oder von dem, was ihnen andere vorgemacht haben, zu etwas haben verlocken lassen, was in ihrer Realität völlig anders aussieht.
  • in ihrer Kosten-Nutzen-Rechnung vollkommen verrechnet haben – weil sie sich entweder zu wenig Zeit dafür genommen oder ihre naturwissenschaftlichen bzw. biologischen Kenntnisse überschätzt haben.

Es wird immer Profis geben – Menschen, die schon fast ihr ganzes Leben lang davon geträumt haben, einem bestimmten Beruf nachzugehen, oder die öffentlich behaupten (dürfen/wollen), z.B. indem sie „Testimonials“ zufriedener KundInnen für sich sprechen lassen, ihre eigenen Lebenserfahrungen wären dazu geeignet, dem Leben anderer zu dienen. Mir persönlich ist es zu gefährlich, die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass es dabei Missverständnisse geben könnte – weil ich weiß, was Menschen mit bestimmten Erwartungen (oder Hoffnungen) an andere aus dem ziehen, was die ihnen anraten (vor allem, wenn Zeitdruck oder Ungeduld und Scham, für ungebildet gehalten zu werden ins Spiel kommt und Menschen sich nicht die Zeit nehmen, von Anfang an bis ganz zum Ende zuzuhören oder nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben).
Ich bin überzeugt: Alle HundehalterInnen haben die Hunde, die sie brauchen, um mit ihrer Hilfe etwas für ihr eigenes Leben zu lernen. – Selbst wenn sie irgendwann die Lehre daraus ziehen, dass lebendes Eigentum noch zu mehr verpflichtet als rein materielles und ihr Leben – so wie es ist – völlig ungeeignet ist, einem Hund ein gesundes und glückliches Leben zu bieten. Alle Hunde, die ihre eigenen HalterInnen als mehr oder weniger gleichberechtigte Rudelmitglieder ins Herz geschlossen haben (statt sich „nur“ als RudelführerInnen zu akzeptieren) hätten es verdient, dass ihre HalterInnen sie genauso zurücklieben: dass sie bereit sind, daran etwas zu ändern und ihr Leben hundefreundlicher zu machen. Ich meine damit nicht, dass sie ihnen ein „besseres Zuhause“ bei Menschen suchen sollen, die mehr Zeit haben, sich mit ihnen zu beschäftigen und um sie und ihre natürlichen (oder künstlich, durch unnatürliche Eingriffe geschaffenen) Bedürfnisse zu kümmern. Meiner Erfahrung nach gibt es heute – neben anderen Haustieren – bereits ohnehin viel zu viele Hunde für viel zu wenig (Menschen-)Zeit. Solange Menschen also nichts an dem verändern, womit sie ihre Lebenszeit verbringen bzw. sich Unterstützung anderer Hundefreund- oder liebhaberInnen holen, ist es vielleicht ein tröstender, aber auch völlig utopischer (oder verantwortungslos-kindlicher, selbstsüchtiger) Gedanke, andere Menschen könnten/wollten das (freiwillig) gut zu Ende bringen, was man selbst schlecht angefangen hat.

 

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Dank für das Foto gebührt Tadeusz Lakota (auf Unsplash)!

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