Von perfider, menschen- bzw. mediengemachter Hypochondrie, teuer berechneten Hilfsangeboten und/oder (fehlender) Hoffnung auf Mit- oder Beileid

Wenn – unter Einsamkeit oder fehlendem Verständnis bzw. Medienkompetenz – leidende Menschen ein einseitig fehlgeleitetes Mitgefühl (ein Helfersyndrom oder übersteigertes Mitleid) für sich selbst und/oder andere – Menschen, Tiere oder Pflanzen – entwickeln, die sie für ähnlich fühlend, also (geistes-)krank, unzurechnungsfähig oder liebes- und pflegebedürftig halten (oder sich von anderen, die sich einen Spaß daraus machen, in die Irre leiten lassen können)

Jedes Jahr mindestens eine neue, zusätzliche – körperliche – Krankheit oder eingebildete Gefahr, die das Leben bestimmter Menschen oder der ganzen Menschheit bedroht. Immer wieder neue Tier-oder Pflanzenarten, die entweder auszusterben scheinen oder – angeblich – bisher völlig unbekannt waren und oft plötzlich zu gefährlichen Eindringlingen werden, die eine Gefahr für andere Arten darstellen. Ständig wieder bahnbrechende Entdeckungen oder heilbringende Erfindungen – mindestens alle paar Monate ein neues, wissenschaftlich erforschtes, (zukunfts-)sicheres Verfahren oder eine neue Technologie, die unsere Welt retten soll …
Wenige Menschen hinterfragen, wie Informationen (z.B. auch über riesige Hilfsprojekte oder Rettungsaktionen in Milliardenhöhe), die um die Welt gehen, eigentlich gemacht werden bzw. wie oder ob überhaupt getestet und bewertet wird, ob etwas wirklich wichtig oder neu – egal ob besonders gefährlich oder ungefährlich für Menschen und ihre Gesundheit – oder einfach nur etwas Altbekanntes ist, was jemand, der sich einen Namen machen und besonders hervorheben möchte, neu beschreibt.

Als Naturwissenschaftlerin weiß ich, wie unsicher, willkürlich und daher – ohne genauere Betrachtung – wenig aussagekräftig wie Zukunftsprognosen jedes für eine Diagnose entwickelte Prüf- und Testverfahren ist, das HerstellerInnen für ihre eigenen Produkte entwerfen (dürfen), um sie von anderen Produkten unterscheiden, also im Vergleich besser oder schlechter als sie abschneiden lassen können.
Als Biologin kann ich fast täglich beobachten, wie Menschen sich ihre auf Tests bzw. ihrem fehlgeleiteten Vertrauen – in andere Menschen, vor allem wenn die medial, also wiederum von anderen, als „ExpertInnen“ auf ihrem Gebiet beworben werden  statt in sich selbst – beruhenden, also auf Ängsten beruhenden Prophezeiungen selbst erfüllen.

Es ist für mich unverständlich, dass vernunftbegabte Menschen, die in der Lage sind, Veränderungen wahrzunehmen und unterschiedliche Situationen zu beurteilen, sich nicht vorstellen können, dass man vielleicht an toter, ursprünglicher Materie, also an Elementen dieselben Testparameter anwenden kann, um sie zu vergleichen, aber nicht an Lebewesen, die sich in ständigem Wachstum bzw. beständiger Weiterentwicklung befinden, oder an Produkten, die zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten hergestellt wurden. – Denn jede kleinste Veränderung der Umgebungsbedingungen – Temperatur, Feuchtigkeit, Luftdruck oder -verschmutzung genauso wie der mentale oder Zeitdruck, unter dem PrüferInnen arbeiten oder Testobjekte oder -personen stehen u.ä. –  kann jede mit Hilfe eines Testergebnisses gestellte Diagnose , sei sie auch noch so differentialdiagnostisch erstellt worden, beeinflussen und das von den HerstellerInnen oder ErfinderInnen erwünschte bzw. erwartete Ergebnis verändern.

Menschen, die – obwohl für andere offensichtlich ist, dass sie unter etwas leiden, also mindestens ein Problem haben, das sie nicht alleine lösen können – nicht spüren können, dass sie Hilfe gebrauchen könnten, keine Hilfe annehmen wollen oder nicht wissen, wen sie um Rat fragen oder Unterstützung bei ihren Problemen bitten könnten, kann genauso wenig geholfen werden wie Menschen, die keinerlei Anzeichen von Beschwerden, dafür aber auffällige Befunde, also Testergebnisse zeigen.
Mich als Gesundheitsforscherin bringt es mich genauso zur Verzweiflung,

  • wenn in der praktischen Ausführung (von diagnostischen Verfahren) aus-, aber in der dahinterliegenden Theorie völlig ungebildete Menschen anderen ungestraft einreden (dürfen), sie bräuchten fremde Hilfe, um selbstständig wieder auf ihre Beine kommen zu können, die ihnen nur ihren Dienst versagt haben, weil sie nicht genug auf sich selbst (und ihren gesunden Menschenverstand) und vermutlich gleichzeitig auf etwas anderes oder jemand anderen geachtet haben, wie
  • dass fühlende und denkfähige Menschen Wert darauf legen, sich von häufig völlig fremden Menschen mit keinerlei Einblick in ihr Leben „helfen“, also sich selbst analysieren und gegebenenfalls behandeln lassen, nur weil ihnen von anderen Menschen – also medial, ohne dass sie aus sich selbst heraus einen Impuls dazu gespürt hätten – angeraten wurde, das vorsorglich zu tun, statt selbstständig und eigenverantwortlich herauszufinden, warum es ihnen überhaupt schlecht geht oder sie sich zumindest unwohler als sonst in ihrem Kopf oder dem Rest ihres Körpers fühlen.

Immerhin weiß ich als Biologin, die sich – aus Interesse an uns Menschen und unserem Leben – über viele Jahre anthropologisch weitergebildet hat, dass Menschen im Laufe ihres Lebens erst schmerzhaft, durch eigene Denkfehler hinsichtlich der spürbaren, schmerzhaften oder tröstenden Erfahrungen, die sie gemacht haben, lernen müssen,

  • wem sie wirklich vertrauen können und wem nicht;
  • wessen Expertise sie fälschlicherweise Glauben geschenkt haben und wer wirklich weiß, was aktueller Stand der Forschung ist;
  • wer ihnen in ihrem Leben wirklich weiterhilft und wer nicht;
  • wer sie nur von den eigenen Rettungsdiensten abhängig macht und
  • wem es am Herzen liegt, dass sich möglichst viele Menschen gegenseitig helfen, also auch im Notfall Hilfe zur Selbsthilfe leisten können statt darauf warten zu müssen, dass jemand, der beruflich dazu ausgebildet wurde bzw. sich dazu berufen gefühlt hat, zu Hilfe eilt.

Menschen können sich ihr Leben lang wie kleine – hilfsbedürftige oder sturköpfig jegliche Hilfe abweisende – Kinder verhalten, wenn sie – weil es ihnen niemand „richtig“ beigebracht, also ehrlich und umfassend vermittelt hat – nicht verstehen, was ihr eigener Körper ihnen sagt oder für andere ganz offensichtlich ausdrückt, und sie außerdem die Stimmen im eigenen Kopf oder warnende Worte von anderen Menschen dazu nicht hören (können oder wollen). Sie halten Hilfsangebote für Geschenke, die sie annehmen können, wenn sie ihnen passen, aber lieber ablehnen, wenn sie spüren, dass dafür eine Gegenleistung von ihnen verlangt wird wie die, selbst mitzuhelfen und vielleicht etwas sein (oder liegen) zu lassen, was ihnen besonders wichtig erscheint.

Sowohl ihr eigenes Gewicht als auch ihre Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit oder ihre Ansprüche an sich selbst, das Leben und andere könn(t)en Menschen jederzeit lernen, selbst, ganz ohne medizinische Hilfe oder staatliche Unterstützung zu kontrollieren – wenn sie nicht darauf warten würden, dass ihnen jemand frei Haus alle Informationen dazu liefert, die sie bräuchten, wenn sie mehr Selbstkontrolle und -versorgung – eben Hilfe zur Selbsthilfe und -verantwortung – lernen wollten.
Stattdessen leben viele offensichtlich lieber lebenslang ein mehr oder weniger verantwortungsloses Leben, in dem sich andere um sie und ihre (Betreuungs- oder Versorgungs-)Probleme kümmern, von der (früh-)kindlichen Ersatz-/Tagesmutter über die ArbeitgeberInnen und HausärztInnen bis hin zu LieferdientsleisterInnen oder Hilfs- und Pflegekräften beim altersgerecht betreuten Wohnen.

Im Grunde tun sie mir leid, weil sie so wenig über unsere menschlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten wissen.
Allerdings liegt es in ihrem eigenen Verantwortungs-, Zuständigkeits- und Entscheidungsbereich, sich darum zu bemühen, Wissen und (Lebens-)Erfahrungen zu sammeln. Es ist nicht nur die Aufgabe von hilfsbereiten Menschen, die früh wahrnehmen können, wer ihre – aus Büchern oder ihren eigenen Erfahrungen gewonnene – Hilfe gebrauchen könnte, sie anzubieten, sondern auch die von Hilfsbedürftigen, nach der passenden Hilfe zu suchen, die sie wirklich brauchen, und darum zu bitten. Wer oder was ihnen tatsächlich irgendwann – nicht nur kurzfristig und scheinbar – weiterhilft bzw. vielleicht nur neue Probleme eingehandelt hat, bei denen sie dann wieder Hilfe brauchen, werden sie früher oder später feststellen; und hinterher vielleicht an anderer Stelle, bei anderen Menschen, die ihnen vertrauenerweckend (und/oder verlässlicher) in dem erscheinen, was sie tun, nach Hilfestellungen suchen.

P.s.: Alle Menschen haben in meinen Augen ihre eigenen, ganz individuellen „Zauberkräfte“ oder „special skills“ mit auf den Weg bekommen, um sie innerhalb von Gemeinschaften in den Dienst anderer stellen und sie bzw. sich selbst dabei verwirklichen zu können. Menschen ist nicht damit geholfen, dass man sie bewusst in den eigenen Schatten stellt bzw. sie selbst nur ein Schattendasein führen, einen Schatten ihrer selbst – der eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten – darstellen lässt, sondern indem man ihnen nachhaltig auf ihre Beine hilft bzw. sich auf die eigenen.

————————————————-

Dank für das Foto gebührt Annie Spratt (auf Unsplash)!

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.