Wenn die besten FreundInnen der Menschen nicht sie selbst, sondern Dinge, Pflanzen, Tiere oder andere Menschen sind

Ich habe den Eindruck, Selbstliebe wird in vielen menschlichen Gesellschaften als Egozentrismus verteufelt, während Selbstvertrauen und –bewusstsein oder –verständnis als erstrebenswerte Eigenschaften gelten.

Aber wenig ist in unserer Welt tatsächlich selbstverständlich, auch nicht, dass sich jeder Mensch nicht selbst der oder die Nächste sein sollte, um selbstständig – ohne anderen zur Last zu fallen – überleben zu können. Aber wenn Menschen keine Antworten auf all ihre Fragen finden, weil andere Menschen sie ihnen nicht gleich geben, fangen sie an, mit toten Dingen oder anderen Lebewesen zu kommunizieren und in Fantasiewelten abzutauchen – bis sie lernen, wie man eigenständig recherchiert, bis man etwas tatsächlich verstanden hat, weil es verständlich klingt.

Selbstvertrauen brauchen nur Menschen, die kein Vertrauen in andere Menschen haben.

Selbstbewusstsein können Menschen, die kein ehrliches Feedback von ihren „FreundInnen“ auf ihre Verhaltensweisen oder Worte erhalten, nicht entwickeln.

Wie also sollen Menschen, die sich selbst nicht erlauben, sich zu lieben, in der Lage sein, diese Erlaubnis anderen zu erteilen? Sich um andere zu kümmern, die sich dankbar für die Zuwendung zeigen, kann den Eindruck von Gegenliebe erwecken, hat aber nicht unbedingt tatsächlich etwas mit romantischer Liebe zu tun, die nicht nur Gefühle (des Verlangens), sondern auch „brennende“ Leidenschaft – die Bereitschaft, dafür auch Leid (z.B. unter einer Trennung) zu empfinden – beinhaltet.
Menschen können sich einreden, dass tote Materie, Pflanzen, Tiere oder andere Menschen dazu in der Lage sind, sie zu lieben, tatsächlich wissen können sie es nur, wenn sie sich trauen, ehrlich danach fragen (und eine ehrliche Antwort darauf erhalten).

Aber es kann natürlich auch schön für Menschen sein, sich geliebt zu fühlen, ohne wirklich davon überzeugt zu sein.
Es erspart ihnen Enttäuschungen, gibt ihnen aber auch nicht die Möglichkeit zu erfahren, wie sich auf Gegenseitigkeit beruhende Liebe wirklich anfühlt.
Wenn Du also das Gefühl hast, die „echte“ Liebe in Deinem Leben noch nicht gefunden zu haben, dann gib‘ nicht auf, danach zu suchen, egal ob in Deinem Freundeskreis oder außerhalb davon – aber nicht auf die Weise, wie Du es bisher versucht hast.
Frag‘ Dich aber zuerst, was Du an Dir selbst nicht liebst – falls Du verstehen lernen willst, warum Dir andere bisher nicht trotzdem dauerhaft ihre Liebe entgegengebracht haben.

P.s.: Und wenn Du die echte Liebe, die, für die Du notfalls vielleicht sogar Dein Leben geben würdest, gefunden hast, dann pass‘ auf, dass Du es nicht unabsichtlich tust – weil Du vielleicht übersiehst, dass Du Dich selbst dabei kaputt machst, wenn die Liebe zu Deinem Leben, die Rücksichtnahme auf Deine körperlichen, geistigen und seelischen Bedürfnisse nicht die wichtigere für Dich ist. Menschen, die sich wirklich lieben, könn(t)en offen und ehrlich aussprechen, was sie brauchen – weil sie sich sicher sein könn(t)en, dass ihre LiebespartnerInnen ihnen immer entgegenkommen werden, solange sie dabei nicht selbst Schaden zufügen (indem sie ihre eigenen Bedürfnisse zu sehr missachten, also nicht dafür sorgen, dass auch sie das bekommen, was ihnen fehlt, oder indem sie sich, obwohl sie schon genug mit sich selbst zu tun haben, sich zusätzlich etwas auflasten, was ihrem Gewissen oder ihren aus ihren Lebenserfahrungen gewonnenen Erkenntnissen widerspricht).

P.p.s.: Ideale LebenspartnerInen, beste FreundInnen, Geliebte und LiebhaberInnen zugleich, sind nicht die Menschen, die sich nie widersprechen, also nie streiten und sich immer sofort einigen können (oder vereinigen wollen), sondern die, die sich Mühe geben, ihr Leben gemeinsam zu bestreiten (statt gegeneinander zu konkurrieren). Sie geben einander Kraft, wenn sie sie brauchen, und wissen sich zu helfen, wenn sie alleine nicht weiterkommen – weil sie ihre Stärken zu nutzen wissen und nicht gemeinsam unsinnig viel Zeit damit verbringen, ihren Schwächen zu fröhnen. Beste/r FreundIn kann sich im Grunde jeder selbst sein. – Eine/n perfekten PartnerIn zu finden und sich ihn oder sie an der eigenen Seite zu erhalten, kostet Zeit und Mühe, in der miteinander – mehr oder weniger hart – trainiert werden „muss“ (je nachdem, wie das Wunschild einer „echten“ Partnerschaft aussieht). Ich wünsche allen Menschen viel Erfolg auf ihrer Suche – vor allem, wenn sie den Glauben an die auf Gegenseitigkeit beruhende Liebe aufgegeben haben und sich auf Freundschaften Plus beschränken.

 

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Dank für das Foto gebührt Hannah Rodrigo (auf Unsplash)!

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