Wie vermeidbare Krankheiten und Körperverletzungen oder -entstellungen zu neuen „Gesundheitsregeln“ oder Schönheitsidealen führen

Von krankhaften Schuldgefühlen, unnatürlicher Scham oder fehlgeleiteten Sympathien, also (selbst-)zerstörerischen, unmenschlichen Mitleidsbeweisen

Geboostert ist das neue gesund.
Adipositas ist das neue Normalgewicht.
Körperlich entstellt oder auf die Unterstützung von neuen (Bio-)Technologien angewiesen ist das neue schön und glücklich.
Es ist nicht verwunderlich, dass Krankheiten und bereits „angeborene körperliche oder psychische Auffälligkeiten“ zunehmen und der Eintritt in den Transhumanismus für viele Menschen ein persönliches Lebensziel wird. – Für Menschen, die kaum etwas über natürliche Gesundheit, Immunität und (Selbst-)Heilung oder die Ursachen von umweltbedingten Krankheiten oder „Geburtsschäden“ wissen, sondern sich vor allem darauf verlassen, dass es die Medizin gibt, die sie persönlich heilen kann, oder (bio-)medizinische Forschung irgendwann soweit sein wird, die Krankheiten sogar ganz besiegen werden.

Menschen, die

  • sich ihrer eigenen „Schuld“ bzw. Verantwortung für ihren eigenen Körper und Geist bewusst werden;
  • erkennen, dass sie sich in ihrem Leben – durch ihren eigenen Lebensstil, vor allem, wenn sie den trotzig, überheblich oder übereilt, entgegen dem Rat von Menschen, die sie vor der ein oder anderen „schlechten Angewohnheit„, den Auswirkungen ihrer körperlichen Exzesse oder ihres ungesunden Umfeldes gewarnt haben, gewählt haben – selbst krank gemacht haben;
  • Unfälle verursacht oder anders dazu beigetragen haben, dass sie selbst oder andere Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen oder geistigen Behinderungen leben müssen,

neigen sie dazu, dieses persönliche Versagen zu verdrängen.

Die Mehrheit der Menschen scheut sich, der Wahrheit in ihr hässlichstes Gesicht zu schauen, und vermeidet es, ehrlich über Dinge zu reden, die ihnen unangenehm sind.
Stattdessen fokussieren sie sich darauf, sich einzureden, dass sie es nicht besser wussten bzw. auch nicht besser hätten wissen können, selbst wenn sie sich vorher schlauer gemacht, also Zeit dafür genommen hätten, sich zu informieren.
Kranke oder verletzte Menschen und Menschen, die wissen, dass sie zu den Erkrankungen oder Verletzungen anderer beigetragen haben, zeigen sich meistens besonders solidarisch mit anderen, die ähnlich gerne ihre Verantwortung leugnen und die Schuld bei anderen suchen bzw. sich einreden, genau diese Krankheiten oder Verletzungen seien – auch unter anderen Umständen, wenn sie selbst anders gelebt hätten – unvermeidbar gewesen.

Die (bio-)technologische und -medizinische Forschung freut sich: Über zahlungswillige KundInnen, die nicht dafür sorgen, dass es zukünftig weniger Kranke, Auffällige oder Entstellte, also vermeidbare Krankheiten und angeborene oder im Laufe des Lebens erworbene Missbildungen gibt, sondern freiwillig mitfinanzieren, dass sie vielleicht irgendwann so gesellschaftsfähig gemacht werden, dass unser aller Leben und medizinische Versorgung davon abhängt, dass es sie gibt.

Meiner Meinung nach ist es nicht nur persönliche Dummheit bzw. Feigheit, sich nicht dem zu stellen, sich damit zu konfrontieren, was man längst wissen könnte, und sich stattdessen lieber zum Opfer der Medizin, von unachtsamen Mitmenschen oder von UnternehmerInnen, die tote Lebensmittel herstellen, unsere Umwelt vergiften und niemanden für ungesunde Arbeitsbedingungen entschädigen, zu erklären. Es ist ein kollektives, globales Versagen der Menschheit, die sich Homo sapiens und aufrecht gehend nennt, dass sie noch nicht Mensch genug ist, sich bei all ihrem verfügbaren, angesammelten Wissen ehrlich mit körperlicher und geistiger Gesundheit auseinanderzusetzen und die wahren Schuldigen, unsere menschlichen Schwächen – z.B. Voreiligkeit oder Vormundschaft über andere, eigene Überheblichkeit oder Machtmissbrauch gegenüber anderen – zu benennen, so dass wir uns in Zukunft gegenseitig besser vor ihnen schützen können.
Ich glaube nicht, dass wir sie verhindern können oder unter Strafe stellen müssen, weil sie sich auch sinnvoll für unsere menschlichen Gemeinschaften – z.B. zur Kommunikation darüber, als Lernbeispiele oder zur gegenseitigen Unterhaltung – nutzen ließen.
Wir könn(t)en alle lernen, – ganz (bio-)technologische Forschung und Medizin – bessere Menschen zu werden; wenn wir es woll(t)en und das (Selbst-)Vertrauen hätten, es nicht nur werden zu können, wenn wir (noch) viel Zeit dafür haben, sondern jeden Tag unseres Lebens dazu beitragen zu können: Indem wir offen und ehrlich, auch in aller Öffentlichkeit, über unsere selbstgemachten, weil im Grunde vermeidbaren (Zivilisations-)Krankheiten, gesundheitsschädlichen Fehlentscheidungen oder krankhaften Schönheitsideale und über unsere – auf Angst, nicht fehlender Intelligenz – beruhende Ignoranz sprechen (statt sie unter gespielter, vorgetäuschter Toleranz oder Akzeptanz zu verstecken).

Was Schmerzen verursacht (hat), aber vermeidbar ist oder gewesen wäre, sollte meiner (Minderheiten-)Meinung nach kein weiterer Mensch stillschweigend tolerieren oder solidarisch akzeptieren müssen. Ich hoffe noch, dass sich irgendwann in der Zukunft eine Mehrheit von Menschen darauf einigt.

P.s.: Seit jeher dulden Menschen willkürliche Zucht-Versuche von experimentierfreudigen – angeblich nach dem Schönen und/oder Wahren und/oder Guten strebenden – WissenschaftlerInnen mit Pflanzen, Tieren oder sogar mit völlig un- oder kaum gebildeten, gutgläubigen, vertrauensseligen Menschen. Seit jeher muss kein/e ForscherIn, der oder die dabei kranke oder missgebildete, alleine nicht überlebensfähige Lebewesen, sogenannte „Kollateralschäden“, geschaffen hat, die Verantwortung dafür tragen und sich dazu verpflichten, die weitere Versorgung derer sicherzustellen, die sich selbst überlassen sterben werden. Immer noch können sich WissenschaftlerInnen damit aus der Affaire ziehen, dass sie im Sinne des Fortschrittes, des Vorankommens der Menschheit handeln und ihren „Versuchsobjekten“ nach ihrem angeblich unvermeidbaren Leiden einen kurzen und schmerzlosen, schönen Tod, einen eu thanatos, gewährleisten. Immer noch lassen sich Menschen nicht nur Gesundheitsprodukte oder Schönheitsideale, sondern auch „bedrohte“ Tiere oder Pflanzen verkaufen, für deren (Über-)Leben andere Lebewesen Qualen erleiden mussten. Vielleicht ist es daher ausgleichende Gerechtigkeit, die mit jedem neuen Impfstoff in die Welt einkehrt? Damit all jene, die sich bisher nicht dafür interessiert haben, woher all die schönen, guten, oft sogar angeblich gleichzeitig gesunden Dinge kommen, die sie tagtäglich – gedankenlos oder bewusst – kaufen und konsumieren, zukünftig etwas mehr Zeit dafür investieren müssen; zumindest wenn sie selbst – mit Unterstützung durch andere – gut, gesund, weiterleben bzw. sich (wieder) schön oder wenigstens ansehnlich finden wollen, sobald sie sich im Spiegel betrachten.

 

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Dank für das Foto gebührt Jon Tyson (auf Unsplash)!

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