Vom (verlorenen) U(h)rvertrauen

Lebenszeit ist wertvoll und vielleicht mit Geld käuflich, aber ihr Wert schwindet, umso mehr Geld Du unfreiwillig in sie investierst

Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, gleich zum Jahresbeginn, am Neujahrstag 2022, über Zeitpunkte zu schreiben – aber ich verschiebe Termine oft, wenn mir etwas Wichtigeres dazwischenkommt. Bei mir wird es vermutlich nie sicheres Zeichen für Demenz sein, wenn ich nicht weiß, welches Datum heute ist oder wie alt ich aktuell bin.
Für mich hat Zeit wenig Bedeutung. Ich versuche zwar, Verabredungen einzuhalten, bin aber immer froh, wenn mir wenig Vorlaufzeit bleibt, damit ich auch einplanen kann, ob ich überhaupt Lust auf das geplante Treffen habe.

Viele „modernen Menschen“ lassen sich – ohne dass sie bemerken oder wahrhaben wollen, wie ungesund und oft selbstquälerisch es für sie – nicht von ihren natürlichen Bedürfnissen, sondern von „gesellschaftlich anerkannten“ Regeln, von Anleitungen, die ihnen andere geben, statt von ihrem gesunden Menschenverstand und natürlichen Zyklen durchs Leben leiten.
Mich erstaunt oft, wie wenig Menschen trotz all der verfügbaren Informationen über sich bzw. über das Menschsein an sich wissen:
Sie glauben auch noch als Erwachsene in blindem Vertrauen dem, was ihnen andere als „Wissen“ vermitteln.
Sie wissen, was sie gerne tun und was sie nicht mögen; aber sie fragen sich nicht, ob das tatsächlich gut oder schlecht für sie ist – meist so lange, bis sie schmerzhafte Erfahrungen dabei machen.

Wer „Glück hat“ und die wahren Ursachen daran herausfindet und sie beseitigen kann, findet dadurch vielleicht schnell zum wahren Ich, zu dem, das wirklich weiß, was es ist: eine Illusion aus

  • reellen Erfahrungen und Glaubenssätzen oder Bildern in unserem Kopf, die wir von anderen Menschen übernommen oder uns selbst antrainiert haben,
  • dem, was wir als Menschen und als Individuen brauchen und bräuchten;
  • dem, was wir tun können, dürfen, sollten oder müssen;
  • dem, was wir denken können, dürfen, sollten oder müssen; oder
  • dem, was wir sagen können, dürfen, sollten oder müssen
  • dem, was wir uns wirklich wünschen und von anderen oder unserem Leben erwarten und dem, was uns besonders leicht oder schwer zugänglich gemacht, als verlockend angepriesen oder ausgeredet wurde.

Wenn sich alle Menschen genug Zeit nehmen würden, um sich selbst nicht nur zu fragen, wie sie so geworden sind, wie sie jetzt sind, sondern auch so lange recherchieren, nachforschen würden, bis sie es herausgefunden hätten, würden sich vermutlich die meisten sehr über sich selbst wundern.
In der Welt der Wunder, der Natur gibt es keine Uhrzeiten oder vorgeplanten Termine. Es gibt nur feste Zeiten, die von natürlichen Zyklen abhängen. – Wenn man ein Naturwunder verpasst hat, muss man nicht nur warten, bis wieder die Zeit dafür gekommen ist, sondern immer auch – wenn man nicht an Ort und Stelle warten möchte, rechtzeitig die Zeichen lesen können, die es andeuten. Ob mit dem vielzitierten blauen Wunder die täglich wiederkehrenden, also unvermeidbaren blauen Stunden gemeint sind, weiß ich nicht – aber ich finde nichts Unangenehmes an ihnen, sondern liebe es, sie bewusst zu erleben. Ich weiß, dass sich viele Menschen darüber wundern, wie ich die Welt und die Menschen in ihr sehe: als hochentwickelte Säugetiere, denen ich nicht nur die Erkenntnisfähigkeit, dass sie Fehler machen können, zutraue, sondern auch ihr Verantwortungsbewusstsein, sie sich oder anderen erklären zu können und so gut wie möglich wieder gutmachen zu wollen (wenn sie das wiederum können …).

Ich glaube, dass wir Menschen alle spüren könn(t)en, wann der richtige Zeitpunkt für etwas gekommen ist, ohne dass wir uns dazu verabreden müssen.
Ich glauben, dass wir uns darauf verlassen können, dass wir die wichtigsten Menschen in unserem Leben entweder zufällig oder zu einem besonderen Anlass immer wieder zufällig treffen werden, uns also nicht unbedingt verabreden müssen, nur um sich nicht aus den Augen zu verlieren.
Ich glaube, dass wir ohne schlechtes Gewissen auch kurzfristig Termine absagen können, wenn uns dabei flau im Magen ist, uns das Treffen Kopfschmerzen bereitet oder etwas Wichtigeres, ein Notfall oder jemand, der oder die für uns Priorität hat, dazwischenkommt.
Ich glaube, dass es mehr Sinn macht, Menschen zu vertrauen, die ihre Arbeit sorgfältig machen und dafür auch mal auf morgen verschieben, als Menschen, die sie „wie vorher verabredet“ pünktlich erledigen.

Ich finde es oft interessant zu wissen, wie viel Uhr es ist, um zu wissen, wie viel Zeit ich vom Tag übrig habe für das, was ich gerne noch tun würde. – Allerdings lasse ich mir auch selten die Laune davon verderben, wenn ich das dann doch nicht schaffe.
Ich habe mich vor niemandem zu verantworten, wie ich meine Lebenszeit verbringe, solange ich niemandem damit zur Last falle. Aber ich habe auch nicht den Anspruch, Teil einer Gesellschaft zu sein, die es sich zur Aufgabe gemacht zu haben scheint, täglich um jeden Preis Ziele zu erreichen, die mir wenig erstrebenswert erscheinen. Ich kümmere mich lieber darum, woher ich möglichst gesunde Nahrung bekomme, wo ich einen festen Schlafplatz und dass ich etwas Wettertaugliches zum Anziehen habe. Außerdem beobachte und analysiere ich gerne die Natur, Menschen, Tiere und Pflanzen, bis auf Pflanzenteile auch völlig ohne sie dafür zu sezieren, also in biologischen, ökologischen, möglichst ganzheitlichen Zusammenhängen. Und ich kommuniziere gerne darüber, weil ich z.B. wichtig finde, dass auch andere Menschen wissen, dass man auch gesund und glücklich ohne Uhr, aber dafür mit einem natürlichen Urvertrauen leben kann, vielleicht sogar gesünder und glücklicher.

Ich bin sicher, dass uns unser Leben nicht nur von unseren Eltern geschenkt wurde und dieses Geschenk ein Ablaufdatum hat, wenn man nicht sorgfältig darauf achtet. Ich bin dankbar, dass mir zu Lebzeiten schon viele Menschen geholfen haben, achtsamer damit umzugehen, so dass ich – nach meiner langjährigen Auseinandersetzung mit dem Leben, mit Gesundheit und Krankheiten, mit (Tier-)Quälerei, Missbrauch und Tod und persönlichen Nahtoderfahrungen – gerne so viel wie möglich davon weitergeben möchte: an Menschen, die etwas damit anfangen, vielleicht sogar ein ganz neues Leben beginnen möchten.
Denn dazu ist es nie zu spät, so lange man noch weiß, noch bewusst erfahren kann, was man tut und sich einigermaßen daran erinnern kann, was man in seinem bisherigen Leben getan hat.

 

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Dank für das Foto gebührt Heather Zabriskie (auf Unsplash)!

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