Freude ohne Reue bei Wortgefechten bzw. deren Vermeidung

Sei Dir nie zu sicher, dass Du (k)eine Chance gegen die Argumente, Meinungen oder Vorwürfe anderer hast oder dass Deine – ehrlich und spontan ausgesprochenen oder vorher gut überlegten – Argumente immer die (schlechtesten oder) stichhaltigsten sind!

Es passiert uns allen vermutlich häufiger als wir uns das wünschen würde: Dass wir anderen Menschen gerne mal so richtig die Meinung sagen würden!
Ich kann mir kaum vorstellen, dass es auf dieser Erde irgendjemanden gibt, der oder die alles „o.k.“ findet, was andere Menschen tun.
Allerdings unterscheiden sich Menschen stark darin, wie viel Sinn sie darin sehen, Lebenszeit und -energie zu investieren, ihre Meinung vor Menschen laut auszusprechen, von denen sie wissen, dass sie eine andere Meinung haben, und dafür entweder nichts oder etwas zurückzubekommen, worüber sie selbst noch gar nicht nachgedacht, wozu sie sich also noch gar keine eigene Meinung gebildet hatten – so dass sie hinterher vielleicht selbst gar nichts mehr dazu sagen und sich mit ihrer eigenen Meinung hinterher schlechter als vorher fühlen könnten.

Ich habe mich mit meiner Meinung noch nie lange hinter dem Berg halten können, aber auch Menschen noch nie verstanden, die anderen wirklich böse sein können, „nur“ weil sie ihnen ihre Meinung gesagt oder ihnen einen Vorwurf gemacht haben, sich dabei also angeblich nicht vorsichtig genug ausgedrückt haben oder sogar „verletzende“ oder „beleidigende“ Worte gewählt haben sollen, obwohl sie ehrlich gemeint und vielleicht „nur“ ein bisschen voreilig und deshalb unvorsichtig ausgedrückt waren.
Ich will nicht nur, dass andere Menschen mich verstehen können, ich finde auch wichtig zu wissen, was andere Menschen über mich denken, und es ist für mich kein Grund, jemanden nicht zu mögen, nur weil er oder sie eine Meinung von mir hat, die mir nicht gefällt. Für mich machen sich eher Menschen verdächtig, die zu freundlich und zuvorkommend sind und mir zu häufig zustimmen, weil sie entweder gar keine eigene Meinung oder keinen Mut haben, sie mir zu sagen.
Als Mensch mag ich es natürlich auch nicht unbedingt, wenn mich jemand unerwartet mit etwas trifft, worauf ich noch keine Antwort habe, weil ich noch nie darüber nachgedacht habe, oder wofür ich mich vielleicht schäme. – Aber ich bin eben auch eine (Lebens-)Wissenschaftlerin: Ich will nicht nur alles über das Verhalten, die Wahrnehmungen, Informationsverarbeitung und die Meinungsbildung anderer wissen, ich will es auch verstehen, also darüber nachdenken können, um mir meine eigene Meinung dazu zu bilden, Informationen also als stichhaltig und nachvollziehbar oder als unvollständig oder – meiner Meinung nach – völlig falsch bewerten können.

Unglücklicherweise, für mich, sehen das (noch) nicht alle anderen Menschen genauso wie ich – vor allem Menschen, die sich niemals Vorwürfe machen lassen wollen und keinerlei Kritik, also negatives Feedback ertragen können, weil sie sich sicher sind (oder zumindest sein wollen), dass sie in ihrem Leben alles richtig (oder falsch) machen oder gemacht haben und daran ohnehin nichts ändern könnten.
Daran kann ich leider nichts ändern, auch wenn ich solchen Menschen gerne persönlich den Vorwurf machen würde, dass sie sich selbst belügen, ganz bewusst oder unbewusst – ohne darauf eine Antwort zu erwarten.
Denn: Gut durchdachte Lügengeschichten entstehen – gewohnheitsmäßig – genauso wie Meinungen im Kopf, weil wir dabei nicht nur Zeit zum Nachdenken, also dafür, unterschiedliche Ideen zu sammeln und in Gedanken durchzuspielen, brauchen, sondern auch dafür, unsere Gedanken in – auch für andere – verständliche Worte zu fassen.
Es gibt unzählige Menschen, die in ihrem Leben MeisterInnen darin geworden sind, ihre Seelenschmerzen bzw. (über-)lebenswichtigen Bauchgefühle mit Vernunft oder geschickten Ablenkungsmanövern bzw. durchdachten Vermeidungsstrategien beherrschen zu wollen – weil sie sie sich nie von der Seele reden bzw. sich darüber auskotzen können bzw. konnten, was ihnen auf den Magen schlägt oder im Laufe ihres Lebens sauer aufgestoßen ist.

Wenn Du nicht nur hinter dem Rücken von Menschen Deine Meinung über sie kundtun möchtest – weil Deine Ausrede lautet, dass sich ohnehin nicht dafür interessieren, sich dadurch auch nichts an ihnen ändern oder für Dich eine Situation nur verschlimmern würde;
wenn Du also irgendwann das Gefühl hast, anderen Menschen unbedingt etwas ins Gesicht sagen zu müssen, weil Du öfters mit ihnen konfrontiert wirst als Du mit anderen über sie reden kannst,
dann überleg‘ Dir besser gleich mehrere gute Ausweichstrategien, mit denen Du ihnen nie – mit schlechtem Gewissen – ins Gesicht lügen musst, wenn sie Dich nach Deiner Meinung fragen oder Dir ihre – ohne Dich vorher zu fragen – aufdrücken wollen.

Es ist weder sinnvoll – weil Du Dich hinterher nie besonders gut fühlen wirst – unüberlegt ein Muster abzuspielen, indem Du entweder einseitig die tatkräftige AusteilerIn- oder die hilflose, unbeteiligte oder sogar schweigende Annahmeposition übernimmst, von der hinterher niemand mehr weiß, ob von dort überhaupt eine Meinung zu hören war.
Nur Menschen, die aufmerksam zuhören (können oder wollen), also nicht schon vorher planen, als GewinnerIn, TrostpreisempfängerIn oder VerliererIn aus einer Debatte hervorzutreten, selbst wenn sie vorher sicher waren, ausreichend gute bzw. gar keine Argumente dafür bzw. dagegen zu haben, schaffen es leicht, ihrem Gegenüber auch hin und wieder einmal zuzustimmen bzw. zu widersprechen.
Wenn Du Dich zukünftig und auch unvorbereitet fair mit Worten „schlagen„, also nicht nur einstecken möchtest, warte darauf, bis Du Chancen zu „überraschenden Verteidigungsschlägen“ bekommst, ohne dass Du vorher einen Angriff starten musstest, weil Dir irgendwann, auch wenn Du nicht daran glaubst, eine Vorlage geliefert werden wird, und lass‘ Angriffe ansonsten mit geschickten Gegenargumenten oder -fragen ins Leere laufen.
Solltest Du auf Menschen wie mich treffen, die sich immer noch nicht ganz abgewöhnen konnten, viel Energie damit zu verschwenden, erst einmal unnötig viel Pulver zu ver- oder mit Kanonen auf Spatzen zu schießen, dann warte einfach einen Moment, bis sie wieder entspannter und mit klareren Worten erklären können, worum es ihnen eigentlich geht.

Glaub‘ mir, kein Mensch will andere Menschen mit den eigenen Argumenten und Vorwürfen oder der eigenen Meinung vertreiben, sondern
entweder – wenn er oder sie Dich liebt – verstehen, warum sich seine so von Deiner unterscheidet,
oder – wenn er oder sie Dich beherrschen oder kontrollieren möchte – Dich dazu bringen, seine bzw. ihre zu übernehmen.

Vielleicht fällt Dir zukünftig schneller auf, wer

  • Dir häufig vorwirft, Du würdest ihm oder ihr überhaupt nicht mehr zuhören (wollen) oder mit ihm oder ihr reden (Kannst Du das widerlegen bzw. willst Du daran überhaupt noch etwas ändern?);
  • nur – zumindest Deiner Meinung nach – völlig irrsinnige Argumente liefert (Ist dieser Mensch tatsächlich ernst zu nehmen? Wer versucht, Dich von sich zu überzeugen und lässt keine andere Meinung zu?)
  • sich immer mal wieder bei Dir meldet, obwohl Ihr in vieler Hinsicht völlig unterschiedlicher Meinung seid und ganz unterschiedliche Argumente dafür habt, was Ihr tut (Kann ich damit noch etwas anfangen oder will ich das gar nicht mehr?); und wer
  • von Dir verlangt, dass Du Dich ändern oder einfach Deinen Mund halten sollst, nur weil Du andere Argumente – dafür oder dagegen – und eine andere Meinung zu dem hast, was er oder sie sagt oder tut (Hat der- oder diejenige eigentlich das Recht dazu, und warum lässt Du das eigentlich mit Dir machen?)?

Vielleicht kommst Du sogar auf neue, eigene Ideen, wie Du Wortgefechte zukünftig sinnvoller ausführst oder ganz ohne schlechtes Gewissen vermeidest, so dass Du Dich hinterher nicht darüber hinweg trösten musst, was oder dass Du nichts gesagt hast?

Lass‘ Dir vor allem von anderen möglichst nie etwas in den Mund legen, nur weil Du nicht den Mut hast zu widersprechen und denkst, Du hättest ihn ja gar nicht aufgemacht! – Du könntest, wenn Du es nicht immer mal wieder auskotzt oder anders loswirst, Probleme mit Deiner Atmung oder Deinem Appetit bekommen und im äußersten Fall womöglich daran ersticken.
Das fände ich äußerst traurig, weil es einer dieser sinnlosen Todesfälle wäre, die uns unser zivilisiertes Leben heute tagtäglich beschert.

P.s.: Schweigen ist nur für die Menschen eine Tugend, die davon profitieren, dass andere Menschen möglichst ihren Mund halten und ihnen vor allem keine unangenehmen Fragen stellen.

 

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Dank für das Foto gebührt Jon Tyson (auf Unsplash)!

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