Paradox ist etwas, zu dem es nichts Widersprüchliches zu sagen gäbe

Also: Nicht immer ist (nur) eine Aussage unwahr, wenn sich zwei widersprechen

Mich als Biologin, also Lebenswissenschaftlerin und Gesundheitsforscherin, erstaunen vor allem die vielen alltäglichen Widersprüchlichkeiten und Lebenslügen der Menschen – mich natürlich eingeschlossen – die sie sich selbst erschaffen, indem sie alltägliche Lebensvorgänge nicht differenziert genug, also stark vereinfacht betrachten (und die häufig zu Missverständnissen zwischen Menschen mit unterschiedlichen persönlichen Anliegen, Vorlieben oder Ängsten führen):

Findest Du nicht auch erstaunlich, dass viele Menschen Angst haben, dass man ihnen etwas Lebenswichtiges wegnehmen könnte, wenn man sie animieren möchte,

  • ihrer Sauerstoffversorgung zuliebe mit dem Rauchen aufzuhören, weil sie dann zunehmen könnten; während sie keine Angst davor haben, dass man ihnen irgendwann wegen Gefäßverengung Gliedmaßen abnehmen könnte;
  • ihrer Gesundheit zuliebedas Fleischessen  sein zu lassen; während sie keine Angst davor haben, sich einen ernährungsbedingten Tumor, also körpereigenes Gewebe, herausschneiden zu lassen; oder
  • ihrer Augen und Beweglichkeit zuliebe weniger Zeit vor Bildschirmen und mehr Zeit draußen zuzubringen; während sie keine Angst davor haben, nicht mehr ohne Sehhilfen oder Schmerzmittel für ihre einseitig genutzten Muskeln, Sehnen, Gelenke oder Knochen durchs Leben zu kommen?

Ist es nicht seltsam, dass viele Menschen Angst haben, etwas potentiell Giftiges oder genetisch Manipuliertes, von dem in einer Zeitung oder anderen Nachricht berichtet wurde, zu essen, anzufassen oder versehentlich in es hineinzutreten, während sie freiwillig Medikamente mit seitenlang auf Packungsbeilagen aufgezählten, möglichen Nebenwirkungen schlucken und sich sogar als Versuchskaninchen für neue Impfstoffe zur Verfügung stellen, die bisher zu den Gentherapeutika zählten?

Aber nicht alle Menschen wollen – wie ich – darüber, über ihr Leben und das, was sie daraus machen oder gemacht haben, nachdenken.
Viele wollen einfach nur leben: so gut und schön und bequem und lange wie möglich.
Da können Menschen wie ich ihnen Hunderte von Malen erzählen, dass sie dabei sehr kurzsichtig oder rücksichtslos, nicht nur sich selbst gegenüber handeln.
Am Ende tragen sie ohnehin immer selbst die Verantwortung für das, was sie tun; meist kurz nachdem ihre Erklärungen dafür einen Höhepunkt an Paradoxie erreicht hat – die Erklärungen für das, was für andere Menschen schon lange offensichtlich ist und gar keiner Erklärung bedarf, für Menschen, die neben dem, was sie tun, gerne auch noch mitdenken, was, warum, wie und wofür oder für wen sie das, was sie gerade tun, eigentlich tun.

Oft sehen Menschen einfach nicht dasselbe, wenn sie etwas betrachten, so dass es manchmal eine Zeitlang braucht, bis ein gemeinsames Gesamtbild daraus wird.
Aber umso fester jemand auf nur ein Detail daraus beharrt, das andere nicht gesehen haben, umso weniger darf er oder sie sich wundern, wenn andere, die ein anderes ins Auge gefasst haben, das komplette Gegenteil behaupten. Und dann gibt es immer wieder auch die Menschen, die gerade gar nichts mitkriegen (wollen), weil sie lieber in Gedanken oder Erinnerungen und Zukunftsvisionen versunken ihr Leben „genießen“ (wollen).
Und ich glaube mittlerweile leider, dass die TräumerInnen und – vor allem gesellschaftlichen – VisionärInnen, oft besondere LangschläferInnen, immer irgendwann ein besonders böses Erwachen erleben werden.

Und, was siehst Du in meinem Titelbild?
Ich weiß jedenfalls heute, dass ich mich mit niemandem mehr darüber streiten will, was er oder sie sieht, für den oder die es überhaupt keinen Sinn ergibt, sich Lebenssituationen möglichst umfassend zu betrachten, darüber nachzudenken und irgendwann auch mit anderen darüber zu diskutieren.

P.s.: Viele Menschen werden sehr lange eher von ihren Träumen und Visionen der Welt, von Illusionen statt von realen Bildern am Leben gehalten, die ihnen Hoffnungslosigkeit suggerieren könnten – obwohl die Hoffnung doch das sein soll(te), was zuletzt stirbt und – meiner Meinung nach – dabei sogar friedlich einschläft.

 

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Dank für das Foto gebührt Etienne Girardet (auf Unsplash)!

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