Wenn Menschen nichts von ihren Schattenseiten wissen (wollen)

Selbst wenn Menschen im prallen (Sonnen-)Licht stehen, werfen sie – hinter, unter, neben, vor sich – Schatten.
Nur Geister werfen (angeblich) keine – so dass ich persönlich mich nicht nur vor den Worten von Menschen in Acht nehme, die nur wie ein Schatten ihrer Selbst aussehen, sondern auch von Menschen, die behaupten, keine Schattenseiten zu haben.
Das, was die meisten von uns ihr Leben lang immer wieder eingetrichtert bekommen – es gäbe „gute“ Menschen und „Böse“ – ist entweder Unwissen oder eine glatte Lüge, um zu polarisieren, was untrennbar zusammengehört: die Menschen zu spalten in die, die sich für die Guten halten und die, die denken, sie hätten nur dunkle Seiten.

Wer ein guter Menschen sein, bleiben oder ein besserer werden möchte, aber (wiederholt) feststellt, dass er oder sie – aus Unachtsamkeit oder verletzten Gefühlen – die Kontrolle verliert und etwas „Verbotenes“ tut, zweifelt (leider) immer noch eher an sich selbst als an dem Dogma, das die Köpfe vieler – vielleicht immer noch der meisten – Menschen, nicht nur die Kirchen, sondern auch unsere Schulen, Ausbildungsstätten und Wissenschaftseinrichtungen, unser ganzes gesellschaftliches Leben, beherrscht.
Viele Menschen haben nie eigenes, kritisches Denken gelernt, durften ihren Eltern nie alle Fragen stellen oder bekamen nur ausweichende Antworten; konnten sich sich und ihren Verstand nicht frei entwickeln, weil er bzw. sie bestimmten Linien folgen, sich in Reih und Glied einordnen mussten, um – ohne Durchzudrehen – die Welt einigermaßen verstehen zu können, in die sie hineingeboren wurden.

Es gibt zwar die Idealvorstellung, dass Menschen alle gleich wären oder zumindest vor dem Gesetz gleich angesehen sein oder werden sollten ; aber Menschen werden bereits nicht alle gleich geboren. Allerdings wollen sich alle Menschen in der Haut, in der sie stecken, wohl fühlen, so dass sie sich – mit anderen vergleichend –  ein schönes, gutes Selbstbild erschaffen:

  • Menschen, die in reiche und mächtige Familien hineingeboren wurden, eines der besseren, begünstigten Menschen, der GönnerInnen oder gutmütigen HerrscherInnen.
  • Menschen, die arm geboren oder in zerrütteten Familien groß wurden, eines der unschuldigen Opfer der Gesellschaft, die – wenn sie sich nur genug anstrengen – die Möglichkeit haben, etwas aus ihrem Leben zu machen.

Es ist sowohl ein Trugschluss, dass alle Menschen die gleichen Chancen haben, dass jede/r reich werden könnte, ohne andere dabei arm zu machen, als auch, dass es Menschen gibt, die immer nur Gutes für andere im Sinne haben.
Menschen, die behaupten, Gutes für andere zu wollen, ohne dass sie sie gefragt haben, was sie selbst für gut oder wichtig halten, werden immer wieder auf Widerstände, also Menschen mit anderen Meinungen dazu, mit anderen Vorstellungen von Gut und Böse treffen; denn alles im Leben ist eine Frage der Perspektive. Nicht alles sieht – je nach Betrachtungsweise – gleich gut oder schlecht aus. Was für die einen rechtmäßig oder wichtig ist, halten andere für unnötig oder sogar schlimm.

Beides gehört auch zusammen, wenn wir uns nicht darauf einigen können.
Wenn wir versuchen, eine Seite zu leugnen oder zurückzudrängen, erzeugen wir nur (innere) Widerstände.
Wenn wir glauben, wir hätten eine Seite zerstört, wird sie uns sowohl fehlen als auch bald wieder zurückkehren – denn wir können nicht gesund und glücklich sein, wenn wir uns nicht vollständig, ganz, heil, fühlen.

Hör‘ also lieber auf, Dich zu gut oder schlecht zu fühlen.
Fang‘ lieber an, Deine bewusst oder unabsichtlich, versehentlich abgeschlagenen Teile wieder zusammenwachsen, die Wunden heilen zu lassen; nimm‘ Dir die Zeit herauszufinden, was Deine Verkrampfungen, Verstopfung, Knoten, Geschwüre oder nicht lokalisierbaren Schmerzen auslöst; was an Dir Du versuchst, bestmöglich  zu verdrängen und zu vergessen.
Dein Körper, Dein Geist oder Deine Seele können nicht vergessen, was zu Dir gehört, wer Du bist und was Du in Deinem Leben erfahren, erlebt hast.
Irgendwo wird es immer wieder auftauchen – freunde Dich lieber damit an, damit es sowohl Dir als auch den Menschen in Deiner Nähe, mit denen Du zusammen leben willst, gut geht oder (wieder) besser gehen kann.
Denn auch, wenn Du das am liebsten leugnen würdest oder nicht wahrhaben willst: Jede/r von uns gehört auch mit allen anderen Menschen zusammen, die in erster Linie ihre unschöne Seiten zeigen, Seiten, die wir am liebsten nie sehen wollen.

 

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Dank für das Foto gebührt Mathias Csader, den ich mir von allen Seiten genau betrachtet habe, um festzustellen, dass ich sie lieben kann!

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