Kleine Geschenke erhalten auch keine auf Geschenken beruhende Freundschaft und große Überraschungen ersetzen keine echten Liebesbeweise

Oder: Wenn (fehlende) Dankbarkeit zu Enttäuschung, Schuldgefühlen und Wut oder Gewissensbissen mutiert

Ich erinnere mich noch, daran, wie viel Wert in meiner Kindheit darauf gelegt wurde, dass ich mich für alles, was ich geschenkt bekomme, auch bedanke.
Über Jahrzehnte habe ich mich – vielleicht deshalb, vielleicht auch wirklich – auch über alles, was mir geschenkt wurde, auch gefreut, also Geschenke irgendwie wertgeschätzt, zur Not als Staubfänger, also „Dekoration“ meines Zimmers.
Ob als eine Art anerzogene, einseitige Dankbarkeit (denn es gäbe ja auch die Möglichkeit „Nein, danke!“ zu sagen) oder als ein natürliches, angeborenes ökologisches Bewusstsein – möglichst wenig Müll zu produzieren – fällt es mir auch heute noch schwer, Dinge wegzuwerfen, die mir einmal geschenkt wurden oder mit deren Kauf ich mir selbst eine Freude gemacht habe. Nach über 44 Jahren kenne ich mich selbst lange genug, um beurteilen zu können, ob ich für etwas definitiv keine zukünftige Verwendung mehr habe, auch nicht irgendwann in der Zukunft; trotzdem landet bei mir wenig im Müll, was ich vielleicht irgendjemand anderem irgendwann noch schenken könnte (statt es auf einer Müllhalde oder in einer -verbrennungsanlage landen lassen zu müssen).
Schenken kann Freude machen, wenn es freiwillig ist und aus einem inneren Bedürfnis heraus geschieht. Aber Geschenke können sogar zur psychischen Belastung werden, wenn Menschen nicht wissen, ob und wie sie sich für Geschenke (Hilfe oder Einladungen) bedanken sollten oder könnten, oder zu einem unbewussten, nicht rational begründeten, eingebildeten oder anerzogenen Pflichtgefühl bis hin zu einem krankhaften „moralischen“ Zwang für Menschen, die Angst haben (müssen), dass sie Menschen verletzen oder verärgern, wenn sie ihnen keine angemessenen Geschenke machen, und dafür, z.B. mit Verachtung, gestraft werden.
Wenn Geschenke an Erwartungen, Gegenleistungen oder andere Dankbarkeitsbezeugungen, geknüpft werden, sind es meiner Meinung nach keine Geschenke, sondern Bestechungsversuche. Dass Menschen dafür anfällig sind und dazu neigen, in Gewissenskonflikte geraten zu können, zeigen rechtliche Bestimmungen, die es bestimmten Berufsgruppen untersagen, private Geschenke oder Spenden anzunehmen.
Es zeugt für mich nicht von einer guten Erziehung, von Anstand, jedes Geschenk um jeden Preis anzunehmen, sondern von Hörigkeit und Unterordnung oder Berechnung. nicht von Mündigkeit, jeder Verlockung dazu nachzugeben, nicht von Freundlichkeit, Liebe oder Dankbarkeit, Menschen ungefragte, unerwünschte Geschenke zu machen, sondern von Unverständnis, fehlendem Einfühlungsvermögen oder Ignoranz bis hin zu einem Korruptionsversuch.
Für mich beinhalten Schenken und Beschenktwerden also auch, Verantwortung übernehmen zu können, mir also sowohl die Frage beantworten zu können, warum ich es schenke, wo ich es gekauft habe und was ich dazu – zur Herstellung und Verarbeitung oder zu Transportwegen und -bedingungen weiß, als auch, warum ich es (trotzdem) annehme, was ich mir davon verspreche und wofür ich es gebrauchen kann.

Unser größtes Geschenk ist für mich unser Leben und die Vielfalt der Natur, die uns ihre Schätze zur freien Verfügung stellt, für das bzw. die wir die Verantwortung tragen (müssen), ob wir das wollen oder nicht, auch wenn wir es gar nicht lieben oder uns gewünscht haben.
Wir können seinen Wert weder steigern, indem wir uns von anderen Menschen beschenken lassen und Reichtümer anhäufen, noch indem wir verschenken, was wir besitzen; wir können ihr weder mehr abverlangen, als ihre begrenzten Ressourcen hergeben noch müssen wir asketisch auf alles verzichten, was wir gerne haben oder tun würden.
Wir selbst können viel dafür zurückgeben, wenn wir nicht unseren oder den Wert anderer über- oder unterschätzen und deren Wünsche oder natürlichen Bedürfnisse kennen: hilfsbedürftigen Menschen helfen, Bäume pflanzen, Blumen säen, Tiere schützen.
Menschen, die übereilt Dankeschön auch für jedes auch völlig wertlos Geschenk sagen oder glauben, sie müssten anderen Menschen für ihr Leben dankbar sein , kennen vielleicht nicht ihren eigenen Wert. Genausowenig, wie Du anderen Menschen dankbar sein musst, wenn Du ihnen nicht dankbar bist, also keine Dankbarkeit fühlst, müssen sie Dir für irgendetwas dankbar sein, was Du ihnen schenkst.

Es ist leicht zu erkennen, wer sich über Geschenke und über welche sich Menschen freuen, wer Geschenke  erwartet und wer nicht.
Du musst kein schlechtes Gewissen haben, wenn Du ihnen nicht schenken kannst, über was sie sich freuen. Frag‘ Dich lieber, ob sie Dir das schenken können, was Du Dir von ihnen wünschen würdest, oder ob sie immer wieder versuchen, Dich mit für Dich weniger wertvollen Geschenken abzuspeisen oder mit wertvolleren zu bestechen.

P.s.: Wenn Du der Natur ein Geschenk machen möchtest, dann such‘ nicht mit Hilfe von Technologien nach Ideen. Geh‘ raus, öffne Deine Augen, Ohren und anderen Sinne, vor allem aber Dein Herz – ich bin überzeugt, Du wirst etwas oder jemanden sehen, hören oder spüren, der, die oder das Dir weiterhelfen wird!

 

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Dank für das Foto gebührt Belinda Fewings (auf Unsplash)!

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