Vom Altern

Man ist so jung, wie man sich fühlt.“ heißt es – auch wenn man in den Augen anderer ganz schön alt aussieht.
Bei einem Teil der Menschen passt Inneres und Äußeres gut zusammen, bei anderen klaffen Abgründe dazwischen, in die eine oder andere Richtung.
Für mich hat Alter relativ wenig mit der Anzahl der Falten, grauen Haare oder dem Kleidungsstil zu tun: Kindsköpfe lassen sich auch von einem schicken Damenkleid oder Herrenanzug nicht verbergen, genausowenig, wie man dadurch erwachsen oder alt und weise wird, dass man sich angemessen, „dem eigenen Alter entsprechend“ kleidet oder verhält. Die Anzahl der Lebensjahre sind für mich nur ein Hinweis darauf, wie viel Lebenserfahrung ein Mensch in seinem Leben schon gesammelt haben könnte; das Aussehen; die körperliche Ausstrahlung dazu, gibt mir Anhaltspunkte, wie schwer oder leicht diese Erfahrungen genommen wurden.

Unter unseren aktuellen Lebensbedingungen – Zivilisationsstress, vergiftete Umwelt, zerstörte und aus ihrem gesunden Gleichgewicht gebrachte Natur – hat die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen – vermutlich einmal mehr, weil wir es im Laufe der Evolution auch wiederholt geschafft haben, unsere Lebensbedingungen zu verbessern – ihren Zenit überschritten. Wir Menschen neigen dazu auszureizen, was wir ausreizen können – so lange bis uns unsere Natur die Grenzen aufzeigt, die sie uns setzt, damit wir uns nicht zu weit von ihr und ihren Regeln entfernen.
Menschliche Körper sind im Grunde – weil sich all unsere Zellen und Organe immer wieder erneuern können, wenn sie gut versorgt und entgiftet und weder über- noch unterbeansprucht werden – potentiell unsterblich; aber wenn sie nicht sorgfältig behandelt werden, also sicher gestellt wird, dass sie jeden Tag das bekommen, was sie brauchen, und loslassen können, was sie nicht brauchen, hungern sie mit der Zeit entweder aus oder brechen unter ihrer eigenen Last zusammen.
Manche brennen auch frühzeitig aus, andere sterben einen Erstickungstod oder an Dehydrierung.
Die Menschen, die in ihnen stecken, wären alle in der Lage, die Zeichen zu lesen.
Sie alle könnten heute wissen, warum sie altern und dabei schwerfällig oder schwach und krank werden.
Nur wahrhaben wollen es die wenigsten.
Entweder ignorieren sie alle Zeichen ihres Körpers oder die Ursachen, die dahinterstecken – weil viele andere sich auch damit zufrieden geben, „das Alter“ als Entschuldigung dafür heranziehen, dass sie sich selbst gehen lassen, dass sie faul geworden sind oder in ihrem Leben so manches übertrieben haben.
Daran glauben, dass sie es vor allem selbst – kein Gott oder Schicksalsgöttinnen – in der Hand haben, wie sie altern und wann oder woran sie einmal sterben werden, können oder wollen die wenigsten Menschen (vielleicht weil sie von Religionen oder ReligionsführerInnen seit jeher mehr überzeugt werden als von wissenschaftlichen Daten, von denen sie sich erst selbst überzeugen müssten?).

Ich weiß nicht, ob es tatsächlich Anzeichen für ein „biologisches Alter“ gibt, die für alle Menschen – auch unter den unterschiedlichsten Lebensbedingungen – gleich sind (ich bezweifle es!); aber ich glaube, ich kann sehen, wenn Menschen versuchen, mit einer hübschen Maskerade oder ihrer Kleidung ihr wahres Alter zu verbergen. Früher oder später zeigt sich immer, ob etwas faul ist unter der glänzenden Oberfläche.
Nur nebenbei: Die Angst, dabei ertappt zu werden, ist psychischer, wenn auch unterschwelliger, Dauerstress, der Alterserscheinungen begünstigt.
Und: Ist es sinnvoll, sich und den eigenen Lebensstil an einer Altersgruppe zu orientieren, die sich ärztlich untersuchen lassen muss, um zu wissen, wie gesund oder krank sie ist, und die psychotherapeutische Begleitung braucht, um zu wissen, was sie machen soll, wenn sie unglücklich ist?
Ich beschäftige mich lieber weiterhin selbst mit meinen Alterungserscheinungen – dazu brauche ich keinen Termin, weil ich sie bei jedem kleinen Anzeichen hinterfragen kann, und ich weiß, dass sie mich nur dann belügen, wenn ich versuche, mich selbst zu belügen.
Aber da ich glaube, dass Lebenslügen im Alter nur krank und unglücklich oder verbittert machen, versuche ich mir die möglichst zu ersparen.

Ich weiß, dass wir – wenn wir wirklich ewig jung und glücklich bleiben wollten – uns ewig wie kleine Kinder aufführen dürfen müssten: neugierig alles immer wieder hinterfragen, mutig und ausdauernd immer wieder versuchen, was noch nicht zu unserer (nicht aller) Zufriedenheit funktioniert, unseren Körper und Geist bzw. deren Fähigkeiten spielerisch trainieren, Streitigkeiten schnell wieder vergessen, Mitgefühl – wenn uns etwas verletzt – nicht nur mit uns, sondern auch mit allen anderen Lebewesen haben, von denen wir wissen, dass sie fühlen können wie wir; und nicht aus Angst lügen, sondern aus tiefem Vertrauen oder schlechtem Gewissen die Wahrheit sagen.
Ich weiß aber auch, dass es Menschen gibt, die das nicht erlauben wollen – weil Kinder sich sehr schlecht regieren lassen, solange sie noch nicht ordentlich erzogen sind; weil Kinder kein Geld in eine Altersvorsorge oder Versicherungen einzahlen würden; weil Kinder sich zu viel Zeit nehmen, um schwerwiegende Entscheidungen zu treffen; weil Kinder selbst noch am Besten wissen, was gut oder schlecht für sie ist, was sie brauchen oder nicht brauchen, weil es sich gut oder schlecht anfühlt; weil glückliche Kinder (wie glückliche Erwachsene) gar nicht erwachsen werden und altern wollen, solange ihnen nichts fehlt, was sie erst tun können, wenn sie älter oder erwachsener sind.

P.s.: Der Gedanken, das Altern im Zuge einer Weiterentwicklung der Menschen aufhalten zu wollen, ist für mich absurd. Wenn wir es verlangsamen woll(t)en, müss(t)en wir einfach ein bisschen langsamer, nicht träger, leben, uns mehr Zeit für uns selbst – nicht nur zum Schlafen, Reisen oder Erholen, für Sport, Familie oder Freunde etc. – nehmen, mehr nicht.

 

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Dank für das Foto gebührt Corina Rainer (auf Unsplash)!

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