Ohren gespitzt!

Auf offene Ohren stoßen heißt weder Verständnis zu ernten noch (Hell-)Hörigkeit erwarten zu dürfen

Menschen, genau wie geräuschempfindliche Tiere, die oft Dinge zu hören bekommen, die sie nicht hören wollen, die zu laut für sie oder sogar schmerzhaft sind, stellen sich nicht nur einseitig taub, sondern schalten ihre Ohren tatsächlich irgendwann ab. Gleichzeitig werden sie hellhörig, wenn sich das anbahnt, was für sie zu laut oder schmerzhaft werden könnte. Natürliche Selbstschutzautomatismen verhindern, dass unser Gehirn davon geschädigt wird.

Viele von uns sind solche vorgeschädigten Menschen: Wir können den Eindruck erwecken, wir würden uns weiterhin alles anhören (wollen); aber wir sind oft schlechte ZuhörerInnen, ohne dass das den meisten von uns immer gleich oder überhaupt bewusst ist. Wir hören entweder nicht genau auf Worte oder nur einseitig auf deren Klang oder die Lautstärke.
Wir können oft schlecht oder gar nicht heraushören, wie etwas Gesagtes gemeint ist.
Viele von uns halten sich für einfühlsam, obwohl ihnen Feinfühligkeit und ehrliches Mitgefühl fehlen.
Viele hoffen aber auch, sie müssten sich – wenn andere Mitgefühl und Verständnis zeigen sollen – keine persönlichen Rückfragen stellen lassen, also dem, was sie selbst berührt, nicht weiter auf den Grund gehen, sich selbst Fragen stellen und dem zuhören, was ihre inneren Stimmen – aus dem Kopf, Bauch und Herzen – dazu sagen. Wer sie auf stumm schaltet, muss nicht lernen, ihre feinen Unterschiede wahrzunehmen. Wer sich klare, eindeutige Meinungen von anderen anhört und sie ungeprüft übernimmt, spart sich viel Zeit (alleine mit sich selbst) und viel Energie, die die inneren Organe brauchen, um erfolgreich, gesund, miteinander zu arbeiten.

Wer echtes Verständnis – auch für sich selbst – erwartet, darf – um Enttäuschungen zu vermeiden – nicht auf (Hell-)Hörigkeit oder darauf hoffen, dass es nachhaltig sinnvoll ist, dazu Gehörtes einfach gehorsam umzusetzen. Verständnis für sich und füreinander erfordert – wie alles, was nachhaltig wirksam sein soll – regelmäßiges, lebenslanges Training und immer wieder Zeit, alleine und miteinander. Ewig automatisch weiter läuft nichts, zumindest nichts, was die Menschheit schon kennt oder jemals aus eigener Kraft erschaffen könnte.

Das wollen viele Menschen vermutlich nicht unbedingt hören (obwohl sie es vielleicht selbst schon lange ahnen – denn Hellhörigkeit liegt allen „Ohrentieren“ in den Genen).
Deshalb schreibe ich mittlerweile auch so viel – dann kann es jede/r lesen, der oder die es lesen möchte.

P.s.: Ich persönlich kann den Satz „Da kann man halt nichts (anderes) machen“ wirklich nicht mehr hören … von Menschen, die sich die täglichen Mainstream-Nachrichten, aktuelle Ereignisse und Inzidenzzahlen, immer noch anhören, ohne sie zu überdenken oder deren Quellen zu überprüfen; die sich für schlauer oder dümmer als die halten, die in den öffentlichen Medien zu Wort kommen und eine einzige (wissenschaftlichen) Meinung verbreiten dürfen (während Gegenstimmen, also vielfältige andere wissenschaftliche und nicht-wissenschaftliche Meinungen kein Gehör finden) und die als einzig sinnvoll verkündeten, propagierten, Maßnahmen gehorsam, hörig, umsetzen (auch wenn sie selbst gar keinen Sinn darin erkennen können). Aber ich weiß wenigstens – weil ich es mir oft genug immer wieder angehört habe und bereit bin, es mir weiterhin anzuhören -, was passiert, wenn ich dann ein bisschen zu laut sage etwas sage wie „nur, wenn einem nichts Besseres einfällt“ oder „nur wenn man zu bequem oder feige ist, sich mit Menschen zusammenzutun, die etwas anderes machen“ – was ich immer noch gerne tue. Mir wird dann häufig fehlende Empathie vorgeworfen – obwohl ich vielleicht mehr Feingefühl (und weiterführende Informationen) habe, als sich die meisten davon vorstellen können, die mir dann keine Rückfragen stellen, weil sie die Antworten dazu nicht hören wollen.

P.p.s.: Wer nicht rechtzeitig hinhören will, muss immer irgendwann fühlen – diese geschickt formulierte These wird schwerlich widerlegt werden können. Ich kann nur versuchen, denen beizustehen, die (sich, mich oder andere) zu wenig gefragt haben.

P.p.p.s.: Nicht nur die Ohren, sondern gleichzeitig auch den Geist und das Herz offen zu halten ist keine einfache (menschliche) Aufgabe und erfordert nicht nur viel Anstrengung und Zeit, sondern auch die Bereitschaft, immer wieder dabei zu leiden, also Herzblut zu vergießen, und das Vertrauen, dass sich der Aufwand irgendwann lohnen oder zumindest für irgendjemanden gut sein wird.

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Dank für das Foto gebührt Sandy Millar (auf Unsplash)!

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