Maigedanken: Was müss(t)en wir eigentlich gerade gemeinsam oder einsam tun?

Wer ist eigentlich dieses WIR?

Wer ist dieses WIR, von dem Menschen sprechen, die Du nicht einmal persönlich kennst?
Wer ist dieses WIR, mit dem Du Dich – immer mal wieder und vor allem seit März 2020 – solidarisieren sollst?

Geht es in dieser Welt überhaupt noch um Dich und mich und unsere individuellen Bedürfnisse?
Sind wir etwa genau gleich?

Bist Du immer derselben Meinung mit Menschen, die von Wir sprechen, aber gar nicht „Wir alle, als Menschen“ meinen? Die vielleicht eher Wir, die PolitikerInnen; Wir, die Alten oder Kranken; Wir die einstige Mittelschicht oder Arbeiterklasse meinen. Wir, die Kinder oder jüngeren Generationen kommen eigentlich nie zu Wort. Als Alibi für deren Stimmlosigkeit wurde eine Aktivistin inszeniert, die bei den Reichsten und Mächtigsten dieser Erde eingeladen wird und Milliarden verdient.
Waren Wir dort jemals eingeladen oder durften mit ihnen reden?
Oder haben wir vorher jemals mit irgendeinem derjenigen reden dürfen, die sich ganz dreist unsere Vertreterstimmen nennen?
Haben wir alle die gleichen Möglichkeiten und Fähigkeiten wie die, die behaupten „Wir können oder schaffen das?“
Helfen sie Dir persönlich dabei, etwas zu erreichen, oder sollst Du nur darauf hoffen und ihnen glauben, dass sie etwas für Dich tun?
Was tun andere, die Du nicht einmal persönlich kennst, tatsächlich für Dich?
Stehen sie Dir bei, wenn es Dir schlecht geht, oder musst Du Dich dann von anderen trösten lassen oder Dir selbst helfen?
Wo ist das Wir-Gefühl, wenn Du alleine bist?

Ist es Dir sicher, nur weil jemand behauptet, dass Wir alle gerade am besten in Isolation aufgehoben sind?
Ist es nicht eine beliebte PolitikerInnen-Methode, Menschen mit schönklingenden Worten in Fallen zu locken?
Sind wir eigentlich noch freie Menschen in einer Demokratie, wenn wir alle zusammen etwas tun müssen?

Weißt Du eigentlich (noch), was Du tun willst?
Wann hast Du darüber das letzte Mal nachgedacht?
Kannst Du entspannt bleiben, wenn andere Deine Erwartung eines Wir nicht erfüllen, wenn Du also erwartest, dass sie das mitmachen, was Du tun willst, weil Du es für richtig oder wichtig hältst? Warum nicht?
Wast tust Du persönlich für ein Wir, außer es Dir zu wünschen oder von anderen einzufordern, dass sie widerstandslos hinnehmen, wenn Du – ohne sie vorher nach ihrer Meinung gefragt zu haben – von Wir sprichst?
Sind wir in unserem Alltag momentan bei Militärgehorsam angelangt, in unserem menschlichen Miteinander dort, wo wir anderen keine Fragen mehr stellen müssen bzw. dürfen?

Ich orientiere mich lieber an den Menschen, bei denen ich mich jederzeit willkommen fühle; zu denen ich eingeladen werde; denen ich auch Absagen erteilen darf, ohne dass sie es mir übel nehmen. Es sind die Menschen, von denen ich weiß, dass ich immer auf sie zählen kann, wenn ich mal ganz alleine sein sollte, und denen ich auch nicht übel nehmen würde, wenn sie mir doch nicht weiter helfen könnten – weil ich mir sicher wäre, dass sie trotzdem alles versucht hätten, es zu tun.
Es gibt nicht mehr viele Menschen, denen bewusst ist, dass wir Menschen aufeinander angewiesen sind, darauf, uns in Notsituationen gegenseitig zu unterstützen und beizustehen.
Die große Mehrheit denkt ganz offensichtlich immer noch, dass sich dafür, dass wir Steuern zahlen in einem Land, jemand darum kümmern würde, dass wir – oder sogar andere, die unverschuldet in Not geraten sind – immer gut versorgt sind … Niemand will sich vorstellen, dass wir versagt und eine Misswirtschaft betrieben haben: an uns selbst und unserer Gesundheit, unserem Land, der Natur, also unserem Lebensraum, der Erde. Wir – zumindest eine große Zahl von Menschen – haben uns so sehr von der Natur entfernt, dass wir ihre Zeichen oft nicht rechtzeitig erkennen … nicht rechtzeitig, bevor viele Menschen, Tiere, Pflanzen oder ganze Arten unnötig (aus)gestorben sind.
Dabei müss(t)en wir uns nur neu orientieren, unsere menschliche Schwarmintelligenz nutzen; denn: wir sind – auch wenn sich das viele Menschen einreden lassen und so verhalten – von Natur aus keine Herdentiere, deren karge Ernährungsweise sie dazu zwingt, ihre Gehirntätigkeit und körperliche Bewegung auf das Nötigste zu beschränken und die Leithammel brauchen, um uns dazu anzuleiten, was wir als nächstes tun sollen.
Wir wären in der Lage, wenn wir es wollen und für uns einfordern würden, also frei(willig) und selbstverantwortlich – so wie Bäume zu unterschiedlichen Jahreszeiten – gemeinsam Dinge zu tun, die überlebenswichtig für uns, für unsere Freiheit, für unsere Zukunft sind – nicht weil sie uns unter Strafandrohungen vorgegeben werden.
Warum lassen wir das zu?
Ich habe den Eindruck, viele von uns waren entweder lange Zeit so mit sich selbst beschäftigt, dass sie vergessen haben, was ein Wir bedeutet, oder haben sich selbst für ein Wir aufgeopfert, das es gar nicht gibt oder gab.
Ein Wir erfordert Zeit und (Beziehungs-)Arbeit. Für ein Wir-Gefühl brauchen wir Menschen gemeinsame Ziele!
Die sind nicht so leicht und schnell zu definieren bzw. risikolos umzusetzen, wie es uns große Wir-Visionäre Glauben machen wollen.
Wir müss(t)en dazu viel nachdenken und Gespräche führen – nicht nur für oder mit uns selbst, sondern auch mit- und füreinander.

Ich wünsche Dir deshalb eine schöne erste Maiwoche mit wertvollen Begegnungen, mit Dir allein oder mit anderen!

P.s.: Schmerz und Verzicht sind vergänglich, wenn Du sie mit Würde, Deinem Selbstwertgefühl, ertragen kannst und Dich dafür nicht anderen beugen, Dich selbst für sie verbiegen oder Dich von ihnen erniedrigen lassen musst. Lass‘ nicht alles mit Dir machen, nur weil (erfolg-)reiche Menschen, „führende Köpfe“ behaupten, Wir müssten gerade gemeinsam leiden. Deren Lob ist wenig oder nichts wert, wenn Du hinterher bereust, auf was Du dafür verzichtet hast, oder wenn Du erkennst, wem Du damit wirklich geholfen und wem Du stattdessen geschadet hast.

P.p.s.: Sich auf Menschen mit Expertise, mit Diplom oder Doktortitel, verlassen zu müssen, ist laut Wortherkunft vielleicht diplomatisch … Als Wissenschaftlerin weiß ich, wie wenig viele Menschen mit medizinischen oder mikrobiologischen Fachkenntnissen vom echten Leben, von Gesundheit, von der Natur verstehen oder wissen wollen; deshalb nenne ich das einfach dumm. Wer sich in einem Wir wohlfühlt, das sich für dumm verkaufen lassen möchte, darf sich natürlich frei dafür entscheiden!

P.p.p.s.: Wir müss(t)en uns nicht damit abfinden, dass uns unsere Grundrechte mit fadenscheinigen Argumenten abgesprochen werden. Und wir müss(t)en uns auch nicht von Menschen, die uns lieben, isolieren oder gesellschaftlich spalten lassen, nur um hinterher dafür gelobt zu werden bzw. damit zu bezahlen, dass unser natürliches Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit ignoriert, also auch unser menschliches Urvertrauen missbraucht und lange brauchen wird, um von den Schäden, die es davontragen wird, zu heilen.

 

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Dank für das Foto und den schönen Spaziergang in der Abendsonne, bei dem er es für mich gemacht hat, gebührt Mathias Csader!

1 Kommentar
  1. Suleika
    Suleika sagte:

    ….mal wieder sau gut geschrieben und zum Nachdenken, hinterfragen und teilen angeregt.
    Danke dafür 😘🍀🙏

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