Die Übel von Transparenz und ehrlicher Offenheit

Solange Menschen Angst haben, der Wahrheit ins Auge zu sehen, und andere zu schonungslos ehrlich sind

Eigentlich vermeide ich das Wort Wahrheit so gut wie möglich – weil ich weiß, dass jeder Mensch eine eigene hat. Deshalb streiten sich auch so viele Menschen darüber, was wahr ist und wer lügt oder nicht.
Die ganze Wahrheit kennt nur Gott, weil einzelne Menschen nie alles wissen werden, oder würdest Du mir darin widersprechen?
Allerdings könn(t)en Menschen eine Ahnung davon haben, was los ist im Rest der Welt, auch ohne jedes Detail zu kennen; denn Menschen könn(t)en Muster erkennen und Zusammenhänge verstehen. Menschen können 1 und 1 zusammenzählen, wenn sie wollen.
Mir ist schon lange – nicht erst durch den aktuellen Corona-Irrsinn – bewusst, dass viele, vielleicht die Mehrheit der Menschen nicht alles sehen oder hören wollen, was andere versuchen, ihnen zu zeigen oder zu erklären.
Menschen wollen generell lieber gelobt werden für das, was sie in ihrem Leben mit viel Mühe tun; aber die wenigsten Erwachsenen, vor allem diejenigen, denen oft genug in ihrem Leben vorgehalten wurde, was sie alles falsch machen, wollen noch wissen, was sie mit ihrem Leben anrichten – nicht nur bei sich selbst, sondern auch bei anderen, ob Mensch oder Tieren, und in der Natur, also möglicherweise auf der ganzen Welt.
Menschen fällt es schwer einzusehen, dass sie oft ganz leicht, vor allem aber für geübte Augen oder in Biologie, Psychologie oder Soziologie geschulte Menschen – durch das, was sie (mit sich herum) tragen, sagen oder tun, wie sie sich also geben – durchschaubar sind, also nicht nur ihre vermeintlich guten Seiten zum Vorschein kommen, wenn sie versuchen, die besonders hervorzuheben.
Viele Menschen verstehen entweder immer noch nicht oder haben sich noch nie Gedanken darüber gemacht, wie transparent sie selbst heutzutage für unsere PolitikerInnen und große, vor allem führende UnternehmerInnen sind, die nicht erst seit Jahrzehnten, aber vor allem in neuerer Zeit immer effektiver, fleißig Daten über ihre „KundInnen“ sammeln, während vor uns immer mehr verborgen wird und im Geheimen geschieht.

Wenn Schlachthöfe Wände aus Glas hätten, wären die meisten Menschen VegetarierInnen“ hat Sir Paul McCartney angeblich gesagt.
Ich befürchte mit meinem heutigen Wissen, nach langjährigen Erfahrungen mit Menschen, dass viele so lange lieber mit echten Scheuklappen in der Nähe von Schlachthöfen herumlaufen würden, solange das nur genug andere auch machen würden …
„Wir müssen doch nicht genau dort hinschauen, wo es nicht gemütlich aussieht – es gibt ja noch genug andere Richtungen, in die wir schauen können, weil es dort viel schöner aussieht.“ – oder so ähnlich – ist ein Lebensmotto, das sich viele Menschen aus Angst vor Schmerz bzw. Verlustangst angeeignet haben:
Was habe ich dann noch, wenn mir etwas genommen wird, an dem mein Herz hängt?
Was bleibt noch von mir, wenn ich feststelle, dass ich etwas an mir ändern muss?
Werde ich mir dann vielleicht eingestehen müssen, dass ich viel Lebenszeit damit verschwendet habe, an Dingen festzuhalten, die mir nur Ärger eingebracht haben?
Die Wahrheit kann schmerzhaft sein. Aber es wird nicht weniger schmerzhaft sein, sich vielleicht irgendwann eingestehen zu müssen, dass man bis zum Ende seines Lebens nie ganz ehrlich mit sich war.

Die Herzen vieler Menschen hängen an Träumen und Vorstellungen, nicht an der Realität, nicht an dem, was offensichtlich ist; nicht an anderen Menschen, wie sie wirklich sind, sondern wie sie sie sehen wollen. Kinder lernen heute nicht, wie die Welt wirklich ist – Erwachsene bringen ihnen bei, wie sie selbst die Welt sehen; und ihr Blick ist selten ein klarer, sondern oft eher ein ge- oder betrübter oder von den eigenen Erfahrungen stark eingefärbter Blick. Wenige Menschen haben sich selbst beigebracht, sich also immer wieder schonungslos mit dem konfrontiert, was andere nur schwer ertragen können.
Mit Gewalt oder schonungsloser Ehrlichkeit wurden schon zu viele Menschen dazu gezwungen, der Wahrheit ins Auge zu sehen, die sich oder ihren Kindern und anderen Menschen dann dieselben Schmerzen ersparen wollten, indem sie sie mit Gewalt oder Lügen davon fernzuhalten versuchen … – nach dem Motto „Ein/e IndianerIn kennt keinen Schmerz, auch wenn er oder sie sich selbstständig immer wieder ins eigene Fleisch schneidet“.
Statt uns der Verantwortung zu stellen „Warum fühlen wir den Schmerz überhaupt? Was löst ihn aus, und wie können wir ihn zukünftig verhindern?“, lernen wir entweder, uns ein dickeres Fell zuzulegen, oder „Schuldige“ dafür zu suchen, die wir – wenn sie schwächer sind als wir – bestrafen können oder – wenn es „höhere Mächte“ sind – um Gnade bitten können.
Unsere eigene Beteiligung an Situationen, die für uns selbst schmerzhaft, also verletzend waren, vertuschen wir Menschen am liebsten, wenn wir so erzogen wurden – solange uns also niemand über schmerzhafte Lebenserfahrungen und menschliche Schwächen aufklärt und uns hilft, mit unseren eigenen umzugehen.

Ich würde behaupten, alle Menschen wissen um ihre Schwächen; aber die wenigsten schauen sie sich genau oder gerne an oder zeigen sie auch offen vor anderen. Stattdessen versuchen sie, sie zu verbergen, mit einer gespielten Stärke zu übertünchen und somit Eindruck zu schinden oder einen schönen Schein zu wahren.
So unehrlich sie mit sich selbst sind, so unehrlich – verschlossen und intransparent – sind sie meist auch mit anderen Menschen, manchmal vor allem mit denen, die sie kaum kennen, manchmal besonders mit denen, die sie nicht verlieren wollen.

Ich beobachte Menschen, die ihren Glauben an die Welt, die sie sich in ihrem Leben erschaffen haben, nicht verlieren wollen; die auch nach einem Jahr Corona-Berichterstattung den öffentlichen Medienberichten immer noch vertrauen (wollen), ExpertInnen alles – Apps, Tests, Masken, Hygieneartikel, Impfstoffe, … – abnehmen, womit die viel Geld verdienen; Menschen, die jetzt all ihre Hoffnung in eine Impfung setzen, die vorher Genmanipulation genannt wurde, in der Überzeugung, PolitikerInnen und Medien würden ihnen – wie auch vorher immer – die Wahrheit sagen. Ihnen ist – momentan und vielleicht auch nie mehr – zu helfen.
Ich kenne Menschen, die nur bei kitschigen Heimatfilmen, rührenden Romanzen oder Her-Schmerz-Sendungen weinen; aber nicht über das Leid auf ihrem Teller oder das der Menschen, die viele der Produkte hergestellt haben, die sie zum Leben brauchen – ihnen fehlen die gedanklichen Verknüpfungen und das Wissen um Zusammenhänge .
Es sind in meinen Augen viele Menschen, die die Verbindung zur Welt, zur Natur, zum Leben und auch zu sich selbst großteils verloren haben; die echten Schmerz oft gar nicht mehr sehen oder fühlen können, aber oftmals einfache Worte als Angriffe werten.
Mir kommen oft die Tränen, wenn ich mir vorstelle, wie sie sich fühlen müssen. Vielleicht weine ich also manchmal an ihrer Stelle.
Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, eine Zeitlang nicht weinen zu können, sozusagen herzlos zu sein, und wie es sich anfühlt, allein oder verloren zu sein.
Ich weiß, dass es überlebenswichtig ist, sich von grausamen „Dingen“, die es auf der Welt gibt, oder schmerzhaften Erfahrungen – bzw. Menschen, die diese repräsentieren, also vertreten oder sogar gut heißen – abzugrenzen; vor allem, solange man nicht stark genug ist, genug Unterstützung oder auch nur ein verständnisvolles Gegenüber hat, sich damit auseinanderzusetzen, also offen zu legen, was dahinter steckt.
Das ist das Schöne, dass Menschen, die sich erst einmal transparent gemacht haben, nie wieder etwas werden verstecken wollen.
Es ist traurig und erschreckend, dass viele Menschen, die mit Lügen und Versteckspielen groß geworden sind, vor allem die als LügnerInnen und LeugnerInnen verleumden oder für verrückt halten, die ihnen ehrlich die Wahrheit sagen.
So ist das Leben.
Ich bin jedenfalls neugierig, wie es weiter geht – weil ich sicher bin, dass es es trotz Schmerz und Leid wert ist, durchlebt, also gelebt zu werden. Vielleicht ist es genau dadurch so wertvoll.
Und vielleicht kann es für uns alle erst besser werden und eine schönere Welt geben, wenn wir das – statt weiter unserer Vermeidungsstrategien zu verfolgen, also wegzuschauen oder zu verheimlichen und zu lügen – einfach einsehen.

P.s.: Menschen werden erst aufhören, Dinge zu konsumieren, zu tun oder aufzubauen, wenn sie sehen, welchen Schaden sie bei jedem Herstellungsprozess, jeder Angewohnheit, jedem Vergnügen oder Bauvorhaben anrichten, also in Kauf nehmen und damit mitverantworten: wie viel Land dabei zerstört wird, wie viele Tiere und Pflanzen dabei gequält und misshandelt werden oder sterben, wie viele Menschen dabei geschädigt – vergiftet oder ausgebeutet – werden.
Wir können in unserem Leben nicht allein von Luft und Liebe leben, aber wir brauchen viel weniger, als die meisten Menschen vermuten würden.
Wir müssen gar nicht auf alles verzichten, was uns Spaß macht; aber wir könnten uns den Verzicht auf die Dinge, die die größten Schäden anrichten, sehr viel leichter machen, wenn offen gelegt würde, welche das sind.
Vielleicht würden wir – wenn wir uns erst einmal selbst und auch gegenseitig vergeben haben, dass wir so viel Lebenszeit mit verschlossenen Augen in dunklen Kellern verbracht haben, die wir in unserer Fantasie zu Schlössern gemacht haben; wenn wir also zu Bewusstsein kommen würden statt und vorzumachen, wir wären längst wach – sogar auf Ideen kommen, wie wir einigermaßen gut machen können, was wir in unserer vergangenen Lebenszeit unbewusst übersehen oder unnötig zerstört haben.
P.p.s.: Besonders schwierige Fälle sind die besonders ehrlichen, aber auch besonders engstirmigen Mitmenschen, die nicht über ihren Tellerrand hinaus blicken und Zusammenhänge anerkennen können – wie diejeinigen, die gerade akribisch nach Virenbruchstücken suchen, aber nicht einsehen wollen, dass vermutlich niemand von dem, was sie finden, tatsächlich krank wird.

 

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Dank für das Foto gebührt Alex Kondratiev (auf Unsplash)!