Zeig‘ Dich öfters auch mal von Deinen anderen Seiten!

Dann wundern oder erschrecken sich andere Menschen auch nicht so sehr, wenn sie sie erst nach Jahren oder Jahrzehnten das erste Mal sehen

Die Menschheit hat in meinen Augen ein großes Problem, obwohl ich nicht sicher bin, wie ausgeprägt es im Rest der Welt ist: Ich habe den Eindruck, so gut wie jedem kleinen Kind wird heute mehr oder weniger eingebläut, sich in Gegenwart anderer von der besten, einer freundlich-zuvorkommenden, Seite zu zeigen.
Egal mit welcher Laune und in welcher Tagesform; egal unter welchen Umgebungsbedingungen und Menschen; egal, was vorher stattgefunden hat.

Dadurch kommen die anderen Seiten vor allem hinter verschlossenen Türen, in der Einsamkeit oder in Lebensgemeinschaften zum Vorschein.
Im Grunde hat sich, zumindest in Deutschland, nicht viel verändert im letzten Jahrhundert, eher verschlimmert – auch wenn gerne so getan wird, als würden wir uns fortschrittlich verhalten und unser aller Leben verbessern: Dass weder Depressionen noch Selbstmordgedanken seltener geworden sind und die Selbstmordrate, auch unter Kindern und Jugendlichen, eher wieder steigt als fällt, das würden vermutlich wenige bestreiten.

Menschen reden auch in unseren modernen Zeiten nicht gerne über sich, zumindest nicht über alle ihre Seiten, zeigen also selten alle ihre Gesichter: das ehrliche, das fröhliche, das traurige, das ängstliche, das wütende, …
Das einzige, was sich im Prinzip auch beim geübtesten Pokerface immer hervorlocken lässt, – zumindest, wenn Überraschungsmomente ausgenutzt werden – ist das erschreckte bzw. hinterher das erleichterte.

Ich erschrecke mich nach einem Jahr immer noch darüber, wenn ich Menschen sehe, die sich, – nur weil es völlig fremde Menschen verordnet und irgendwo aufgeschrieben hat, sozusagen in vorauseilendem Gehorsam – freiwillig eine Maske vor ihre Nase und ihren Mund setzen.
Gleichzeitig bin ich froh, dass ich jetzt die ängstlichen Gesichter von Menschen kenne, auf die ich mich früher einmal verlassen hätte, weil ich sie für mutiger als mich hielt.
Die aktuelle Krisensituation ist für mich als Lebenswissenschaftlerin und Gesundheitsforscherin jedenfalls extrem spannend; auch wenn sie – im Nachhinein betrachtet – auch wenig überraschend ist. Geschichten von Menschen wie die, die ich gerade miterlebe, habe ich schon unzählige gehört.
Es überrascht mich nur, dass so wenige, die eine Schule besucht, schon Bücher gelesen oder auch nur Filme oder gesehen haben, die Stereotypen-Muster abspielen statt durchbrechen, die allen klar sein könnten:

  • die braven Bürger, die nur ja nicht öffentlich auffallen, also aus der Reihe tanzen und Ärger mit Behörden bekommen möchten;
  • der gutherzige Stadion-Fan, der jede Parole mitgröhlt und sich mit allen solidarisch zeigt;
  • der besonnene Experte und Krisenmanger, der die Krise dabei selbst herbeiredet;
  • die WeltuntergangsmalerInnen, für die die Menschheit schon längst verloren ist;
  • die ängstlichen LehrerInnen, die Kinder nur erziehen wollen, weil sie im Prinzip Angst vor ihnen haben;
  • SensationsjournalistInnen, die aus jeder langweiligen Zahl eine Story machen;
  • irre WissenschaftlerInnen, die für ihren Drang nach Wissen, und aufstrebende PolitikerInnen, die bei ihrem Ringen um Macht auch Menschenopfer in Kauf nehmen;
  • verzweifelte ÄrztInnen, die zwischen dem Wohl ihrer PatientInnen und Ihrem eigenen Leben hin- und hergerissen sind.

Sie haben alle viele andere, menschliche Seiten.
Schade, dass so wenige sie zeigen und sich lieber – angeblich nur bis die Krise vorbei ist – ordentlich in ihre Reihe stellen und mit allen anderen ins selbe Horn blasen.

Dass die Seite, die sie gerade zeigen, dafür verantwortlich ist, dass die Krise nicht vorbeigehen kann, darauf würden vermutlich die wenigsten kommen.
Dass die Seite, die sie gerade zeigen, die ist, die Unternehmen, die Daten sammeln und auswerten, schon lange bekannt ist, das können sich die wenigsten vorstellen.
Dass wir alle uns von einer anderen Seite oder von möglichst vielen unterschiedlichen zeigen könnten, damit sich die Welt ganz schnell, vielleicht sogar zum Besseren für uns alle, verändern kann, daran glauben außer mir nur wenige.
Als Lebenswissenschaftlerin, die Menschen und das Leben nicht alleine verändern, sondern verstehen will, wie wir es uns gemeinsam schöner machen könnten, mag vor allem die Menschen mit all ihren Seiten, die sie auch gerne zugeben und zeigen, auch wenn nicht alle davon schön sind.
Ich werde jedenfalls nicht aufhören, hoffnungsvoll an genau die zu glauben – weil es die einzigen sind, die sich nicht so leicht von anderen steuern lassen.

P.s.: Gründe, für die Natur, Menschen, Tiere und das Leben, für unsere menschliche Gemeinschaft – nicht für eine zerstörerische Wohlstandsgesellschaft – Gesicht zu zeigen, sich also der damit verbundenen aufrüstenden, immer demokratiefeindlicher und diktatorischer werdenden, menschenverachtenden Politik entgegenzustellen statt ihr weiter gehorsam Folge zu leisten, gibt es schon lange – aktuell nur immer mehr. Ich zumindest habe schon immer besseres im Leben vor als mich von meiner besten Seite zeigen zu wollen. Es gibt zwar nur ein paar Menschen, die gut mit allen meinen Seiten klar kommen; aber immerhin auch einen, der versprochen hat, auch weiterhin tagtäglich mit ihnen leben zu wollen!

 

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Dank für das Foto gebührt Markus Spiske (auf Unsplash)!

 

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