Der einen Leid ist der anderen Freud‘

Willst Du ein/e NaturschützerIn und TierliebhaberIn oder PhilanthropIn sein oder liebst Du das Leben wirklich?

Menschen haben die seltsamsten Leidenschaften oder Dinge, die ihnen Freude bereiten.
Dabei sagt das Wort Leidenschaft schon, dass es nicht zur Freude aller Beteiligten ist.
Mit Liebe zu anderen haben die meisten Liebhabereien also wenig zu tun. Wenn Amateure am Werk sind, darf sich darüber aber auch eigentlich niemand wundern.

Ich selbst habe es schon als Kind schwer ertragen, Tiere, vor allem die kleinsten unter ihnen, die viele andere übersehen – Insekten oder Würmer – in meinen Augen leiden oder mit dem Tod kämpfen zu sehen und häufig versucht, Bienen, Wespen, Schmetterlinge oder ähnliche vor dem Ertrinken, Regenwürmer vor dem Tod auf versiegelten Böden oder auf dem Rücken liegende Laufkäfer vor dem langsamen Verenden oder Zertreten zu bewahren. Mit zweifelhaftem Erfolg; aber auch heute fällt es mir schwer, einfach nichts zu tun – auch wenn ich nie jedes Leben retten kann, das vielleicht lautlos nach Hilfe schreit.
Ich bin aber realistischer geworden. Ich habe Biologie studiert, um das Leben zu verstehen. Ich sehe jetzt Zusammenhänge. Ich weiß, wie wenig nachhaltig es ist, Zeit dafür aufzuwenden, Todgeweihte zu retten, ohne dass man verhindert, dass die „Todesfallen“ beseitigt werden, in die viele tappen oder unter deren Anwesenheit viele leiden. Ich kann dem Tod in der Natur heute gelassener begegnen – auch wenn ich hin und wieder immer noch Regenwürmer von der Straße trage oder Käfern wieder auf die Beine helfe; ich weiß, dass andere etwas davon haben, wenn ein Lebewesen stirbt. Ich weiß, dass das Sterben und damit verbundene Leid zum Kreislauf des Lebens gehört.
Tiere, die nicht schwimmen können, halten sich normalerweise von Wasseroberflächen fern; Käfer fallen nicht ohne Grund auf ihren Rücken, und wenn wir keine Wege angelegt hätten, könnten sie für Regenwürmer, die vielleicht wichtigsten Tierarten der Welt, nicht so oft zur Todesfalle werden. Es hat Ursachen, wenn jemand – ob Tier, ob Mensch, ob Pilz, ob Pflanze – in Not geraten ist und leidet oder stirbt. Wenn wir die Gründe für Leid gar nicht beseitigen können, wird die Freude über die Rettung von Menschen, Tieren oder auch bedrohten Pflanzen oder Pilzen nie nachhaltig, sondern nur eine Sisyphosarbeit sein.
Jedes Leben zählt natürlich; aber nicht jedes Leben lässt sich lange retten, also weiter am Leben erhalten.

Es fällt mir heute leicht, mit Menschen in Völkern mitzufühlen, die nicht nur das Leben, sondern besonders den Tod fröhlich zu feiern versuchen, auch wenn sich die meisten wahrscheinlich nicht darüber freuen. Sie machen nichts anderes als Menschen, die damit, dass sie zusammen mit anderen oder auch alleine „fröhliche Feste“ feiern, verdrängen, dass sie selbst allein auf der Welt und sterblich sind oder leiden bzw. dass sie sich selbst oder anderen Leid zufügen, während andere oder sie selbst Freude empfinden.
Freude und Leid gehören eng zusammen; die wenigsten Menschen scheinen das zu wissen oder akzeptieren zu können und versuchen stattdessen häufig, in blindem Aktionismus Leid zu vermeiden, während sie nicht wahrhaben wollen, welches zukünftige Leid sie genau damit hervorrufen.
Ich habe den Eindruck, es sind besonders die „modernen“ und auch viele angeblich „weltoffene“ Menschen, die die Verbindung zur Natur und zu sich selbst verloren haben, die nie selbst erfahren oder beigebracht bekommen haben, dass weder Leid noch kurze Freuden etwas mit Lebensglück oder Liebe zu tun haben.
Leid kann kein Glück und auch keine Liebe zerstören.
Freude kann kein Glück, keinen inneren Frieden und auch keine Liebe ersetzen.
Glücklich können nur Menschen sein, die wissen, dass sie selbst zum Leid und zur Freude in der Welt beitragen – damit, wie sie selbst sind, und mit dem, was sie tun oder besitzen (wollen).

Wir Menschen haben es nicht in der Hand, alle in Not geratenen, leidenden Lebewesen zu retten und schon vorhandenes Leid rückgängig zu machen.
Wir könn(t)en aber, jede/r einzelne von uns kann zukünftiges Leid verhindern; vor allem, wenn wir nicht so viele gedankenlose Dinge tun würden, die uns Freude bereiten – die unser Leben vielleicht bequemer, aber nicht glücklicher machen; die vielleicht kurzfristig Leben retten, aber nichts am nachfolgenden Leid verändern, vielleicht noch dazu beitragen (dass Menschen sogar vom Leid in der Welt profitieren, also „erfolgreich“ genau damit ihr Geld verdienen, wie es nicht nur viele Tier- und Naturschutz- oder Menschenrechtsorganisationen tun; aber das ist eine andere Geschichte).
Verhindern werden wir Leid nie, wenn Menschen nicht gleichzeitig bereit sind, dabei mitzuhelfen und aufhören, es mit ihrem eigenen Leben zu produzieren: mit dem, was sie konsumieren, also an Ressourcen verbrauchen und an Müll produzieren. Es lässt sich nicht jedes Leben retten, weil Menschen gar nicht jedes Leben retten und für jedes Leben Geld spenden wollen. Ich habe auch noch nie davon gehört, dass Menschen in Frieden oder Medikamentenfreiheit investiert hätten…
Ich lasse heute weder mein Mitgefühl von jeder offensichtlichen PR-Aktion wecken, die auf die Tränendrüse drücken soll – ohne dauerhafte Lösungsansätze bieten zu können – noch von „Erfolgsstories“ täuschen, wenn ich erkennen kann, wie wenig durchdacht und nachhaltig sie sind. Ich leide generell mehr mit den vielen anderen, unauffälligeren, unscheinbaren Tieren und Menschen oder auch Pflanzen, die bei der Rettung anderer, die die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erregen, auf der Strecke geblieben sind oder noch bleiben werden, wenn das für mich absehbar ist. Ich leide mit denen, die für andere „Züchtungserfolge“ sind, wenn ich sehe, worunter sie selbst leiden, wie krank sie sind oder wie sehr sie dauerhaft auf Hilfe angewiesen sind.

Ich bin mir aber sicher, dass sie trotzdem Freude an ihrem Leben haben können.
Nur mit Lebensglück hat es für mich wenig zu tun: Ein erfülltes Leben können nur die haben, die es auch selbstständig führen können und die genug damit zu tun haben – mit sich selbst: mit dem eigenen Leid und der eigenen Freude oder damit, anderen nicht unnötig Leid, sondern möglichst viel Freude zu bereiten -, also gar keine Zeit, sich um die Bedürfnisse anderer zu kümmern, deren Leben unbedingt verbessern oder in bestimmte Richtungen lenken zu wollen.
Menschen oder Tiere, die sich intensiv mit sich selbst, aber auch miteinander beschäftigt und auseinandergesetzt, verständigt haben, sich also wirklich verstehen, wissen das. Allerdings nehmen sich die wenigstens Menschen die Zeit dafür – aus Angst zu oder unnötig lange wertvolle Lebenszeit damit zu verschwenden und das irgendwann zu bereuen, also darunter zu leiden.
Vielleicht ist das ihr größter Irrtum.

Leid werden wir erst verhindern können, wenn wir es verstehen, es uns lange genug und genau betrachtet und analysiert haben, nicht indem wir es möglichst schnell beseitigen, mit etwas, das uns vielleicht Freude macht …
Ich finde, unser Leben ist das wert!

P.s.: Um zukunftsfähig zu sein, brauchen wir keine blinden AktionistInnen, die blind für nachhaltige Schäden sind und zu wenig Vertrauen in langfristige Veränderungen zum Besseren haben, sondern schnelle Lösungen für Probleme fordern, die sie selbst noch gar nicht verstanden haben (sorry, Greta …).

P.p.s.: Unsere Welt braucht auch nicht nur einzelne VisionärInnen, die das Leben für uns planen. Ich bin froh, dass mir fast täglich neue Menschen begegnen, die verstanden haben, was im Leben wirklich zählt; die Leid kennen, aber wissen, wie sie es selbst nachhaltig verhindern und Freude dabei haben können.

 

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Dank für das Foto gebührt Sergey Semin (auf Unsplash)!