Wertschätzung lernen

Dingen den Wert geben, der ihnen zusteht

Mir liegen viele materielle „Dinge“ wenig am Herzen, vor allem, wenn sie – in meinen Augen – nicht essbar sind oder ich sie nicht in der Küche oder im Garten gebrauchen kann. Und auch da lege ich wenig Wert auf eine aufwendige Herstellungsweise, Aussehen oder Verpackung, solange Inhalt oder verwendete Materialien möglichst naturbelassen und umweltfreundlich produziert sind.
Ich bin, auch wenn es für andere Menschen vielleicht so scheinen mag, definitiv keine Asketin, weil ich auf vieles verzichte, was andere Menschen behaupten zu brauchen. Ich habe bestimmte, mal strengere, mal weniger strenge Prinzipien, aus denen heraus ich bestimmte Dinge boykottiere; aber ich bin auch kreativ, ich lasse mir schnell Alternativen einfallen, die dann meinen Ansprüchen genügen; und ich bin schon glücklich, wenn ich durch die Natur spazieren oder rennen oder mich zum Meditieren hinsetzen kann.

Wundersamerweise lebe ich jetzt an einem Ort, an den ich mich aus eigenem, ökologischen Antrieb nie hinbewegt hätte – obwohl ich mich schon beim ersten Anblick ein bisschen in ihn verliebt habe. Meine berufliche „Karriere“ hatte ich nie daraufhin ausgerichtet, mich irgendwann auf einen Ort zum Leben festzulegen, an dem ich dann – wie jetzt – ein altes, wenn auch großteils schon renoviertes Fachwerkhäuschen mit Schuppen, renovierungsbedürftiger alter Werkstatt und Waschküche sowie viel Gartenfläche, die bei meinem Einzug ein Rasen war, unterhalten muss. Zum Werterhalt, zur Abzahlung und Aufwertung konnte ich zwar bisher nur einen geringen Beitrag – in Form von Ideen, Zeit für Recherche, Einkäufe oder andere Beschaffungen und meiner Arbeitskraft – konnte ich bisher zwar noch nicht allzu viel beitragen; aber ich fühle, dass er täglich wertvoller für mich wird, ich also bereit bin, immer weiter neue Wege zu suchen, meinen Beitrag – denn es ist ja ein gemeinschaftliches „Wertsteigerungsprojekt“, ein Lebenstraum – noch zu leisten.
Es hat lange, bestimmt 3 Jahre, und einen zwischenzeitlichen Auszug gebraucht, bis ich in ihm das „Goldstück“ sehen konnte, das es jetzt für mich ist: vor allem die renovierten Teile darin haben meine ökologische Prinzipientreue auf eine harte Probe gestellt. Aber sie helfen mir jetzt dabei, sie so lange wie möglich zu erhalten und möglichst oft und vielfältig zu nutzen – denn wenn schon wertvolle Ressourcen dafür verbraucht, Menschen sich und ihre Gesundheit vielleicht dafür verkauft und die Natur für sie vergiftet wurde, dann sind sie es mir wert, möglichst nichts Neues, Zusätzliches mehr für das, wofür sie jetzt da sind, anzuschaffen. Sie geben mir zum ersten Mal in meinem Leben die Aufgabe, auch den Wert von menschengemachten Dingen schätzen zu lernen, die ich selbst lieber boykottiert hätte: wertvolle Ressourcen, Zeit, Arbeit und im weitesten Sinne auch immer (Menschen-)Liebe, wenn diejenigen, die sie hergestellt haben, das um der eigenen Versorgung Willen oder für ihre Liebsten getan haben. Und ich bin dankbar für den Mann an meiner Seite, mit dem ich immer mehr Wertvorstellungen teilen und bei dem ich mir sicher sein kann, dass er nicht ausnutzen wird, was so viele andere Menschen tun: die Verantwortung für gesundheits- oder umweltschädliche Käufe, also Produkte oder Unternehmungen, einfach komplett auf sich oder andere laden bzw. anderen die Verantwortung dafür abnehmen. Am Ende fühlt sich dabei nämlich selten jemand gut.

Was meiner Meinung nach bei der Wertschätzung von Dingen beachtet werden kann:

  • Alles, was bereits, vielleicht schon lange, in der Welt ist, hat einen bestimmten Wert, den es zu berücksichtigen gilt; vielleicht ist er irgendwann aber vernachlässigbar.
  • Alle neuen Produkte haben nur Wertschätzung verdient, wenn sie etwas altes wirklich besser machen, ohne neue Probleme zu verursachen; die größte Wertschätzung gebührt denen, die alte Dinge überflüssig machen – aber nur, wenn sich alle Menschen wirklich einig darin und überzeugt davon sind, sich also nicht nur dazu verlocken oder überreden, womöglich bestechen oder erpressen, lassen. Weniger ist mehr in einer Zeit der Ressourcenknappheit!
  • Es ist keine Wertschätzung, etwas wegzuwerfen oder unsachgemäß zu entsorgen. Wenn es an der Zeit ist, sich von bestimmten Dingen zu trennen, lässt sich wenigstens dafür sorgen, dass jemand anderes sie noch nutzen kann oder sie bestmöglich recycelt werden. (Wir haben übrigens Kellerräume und eine alte Werkstatt, die zwar irgendwann im Besten Fall renoviert werden kann, aber momentan vollgestellt ist mit alten, verschiedensten „Gebrauchsgegenständen“ – wer kreative Ideen und Verwendungsmöglichkeiten plus Zeit zum Stöbern hat, darf sich gerne bei mir melden!)
  • Umso mehr Liebe und Wertschätzung in einem Herstellungsprozess liegen, umso weniger Endprodukte können dabei herauskommen. Liebe lässt sich nicht automatisieren, Liebe, also auch Wertschätzung braucht Zeit und einen bestimmten Raum – das sind ihre Spielregeln.
  • Es gibt Dinge, die Menschen wertvoll sind, „nur“ weil sie sie einmal selbst gemacht, vielleicht sogar in jahrelanger Arbeit erbaut haben. Es ist aber keine echte Liebe, die darin steckt, wenn sie nur davon abhängt, wie viel Beachtung ihnen geschenkt wird. (Ich schätze, das wissen die meisten erwachsenen Menschen, die sich darüber ärgern, wenn andere Menschen nicht auch Begeisterung für sie zeigen; aber Kindern, die mit echter Hingabe an etwas gearbeitet haben, müssten das nicht schmerzhaft von alleine lernen, wenn es ihnen von Anfang an erklärt würde!)
  • Wertschätzung zu lernen funktioniert, so wie jedes Lernen, nur, wenn Menschen miteinander kommunizieren, offene und Verständnisfragen klären und sich Zeit nehmen, hinterher auch in Stille darüber nachzudenken.

Ich bin froh, dass ich in meinem Leben schon viele Menschen getroffen habe, die mich wertschätzen, wie ich bin; die wissen, dass ich Dinge, die mir wichtig sind,  gerne deutlich sage, ohne zu erwarten, dass sie anderen genauso wichtig sind (leider oft auch ohne zu berücksichtigen, dass andere Menschen gar nicht alles hören wollen). Ich persönlich schätze es enorm, wenn Menschen offen und ehrlich mit mir reden und mir ihre Meinung sagen, auch wenn sie meiner Widerspricht; ich mag keine Geheimnisse, außer wenn Menschen sie vor mir haben, die wissen, womit sie mich noch überraschen können.
Aber ich lerne auch, das Schweigen, das mir früher eher als Heimlichtuerei erschienen ist, immer mehr und öfters wertzuschätzen. Ich erkenne den Sinn im gemeinsamen Meditieren, z.B. auch während Demonstrationen. Man kann und muss auch nicht alles sehen, was wirklich wertvoll ist und einen bleibenden Wert hat.
Am Ende wird es sich zeigen.

P.s.: Manche, vielleicht auch viele Menschen unterschätzen, wie wertvoll sie selbst sind, auch ohne dass sie wichtige Dinge für andere erledigen oder wertvolle Güter anhäufen oder produzieren; aber wer sich selbst nicht für wertvoll hält und (auf sich) achtet, darf sich auch nicht wundern, wenn andere ihm/ihr nur Mitleid oder – je nach anderen Reichtümern – Ehrfurcht, aber keine besondere Beachtung oder Respekt schenken.

P.p.s.: In unsere modernen Welt neigen wir leicht dazu, auch Menschen zu Objekten zu degradieren und so zu behandeln, als stünde ihnen nur ein bestimmter Wert zu bzw. als hätten sie manche Dinge nicht anders verdient. Deshalb möchte ich kurz noch daran erinnern: Der Wert, die Würde, des Menschen ist unantastbar! Aber vor allem Menschen, die ihr Amt oder ihren Beruf missbrauchen, um Menschen unnötig Angst zu machen oder über deren Köpfe hinweg Entscheidungen treffen (wollen), also die Würde, die Eigenverantwortung und Selbstbestimmung anderer Menschen bewusst ignorieren, sollten sich meiner Meinung nach vor genau denen verantworten müssen.

P.p.p.s.: Es ist nicht wertschätzend Menschen gegenüber, sie mit Dingen zu beschenken, die sie gar nicht gebrauchen können oder haben wollen, weil sie ihre Gründe haben, sie zu boykottieren. Und es ist unehrlich, zeugt für mich also eher von Angst oder Bequemlichkeit statt von Wertschätzung, (wertvolle) Geschenke anzunehmen, die man selbst eigentlich gar nicht nutzen möchte oder für die man gar keine Verwendung hat.

P.p.p.p.s.: Ich wünschte, ich hätte meine Werte schon immer nach dem Verfahren des systemischen Konsensierens leben dürfen statt mich Mehrheitsentscheidungen beugen zu müssen … Mit meinem heutigen Wissen würde ich es immer wieder einfordern, um DemokratieverfechterInnen klar zu machen, wie rücksichtslos und (meinungs-)freiheitsfeindlich ihre „Politik“ oft ist!

 

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Dank für das Foto gebührt Jingming Pan (auf Unsplash)!