Vertrauen ist gut, …

… solange keine Kontrolle im Spiel ist

Mein Leitspruch widerspricht dem, der vermutlich schon den meisten Kindern von mehr oder weniger ängstlichen Eltern mehr oder weniger eingetrichtert wird. Nach dem Motto „Kontrolle ist besser“ beäugen Menschen Dinge, die sie nicht kennen, oder sich gegenseitig, vor allem, wenn der eigene, einst vielleicht einmal unvoreingenommene Blick von Vorurteilen getrübt ist.
Heute werden auch LebenspartnerInnen eingehend „geprüft“; ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen testen, wie weit sie jeweils gehen können, VerkäuferInnen oder DienstleisterInnen sammeln Daten über ihre KundInnen oder ÄrztInnen über ihre PatientInnen, und das Ganze natürlich auch umgekehrt. Deshalb werden in heutigen Tagen sogar BürgerInnen eines Landes von ihren Regierungen überwacht.

Die wenigsten Menschen, vielleicht gar keine, wissen von Natur aus, wie sie sich selbst gut kontrollieren können, wo also ihre Grenzen sind oder sein sollten – im Sinne ihrer eigenen Gesundheit, der Allgemeinheit, im Sinne unserer Natur oder der verfügbaren Ressourcen.
Menschen wollen frei sein und machen können, was sie wollen – vor allem solange sie das Gefühl haben, dass sie niemandem dabei Schaden zufügen.
Menschen können sich blind und taub stellen, wenn sie merken, dass doch jemand unter ihrem Verhalten oder Lebensstil leidet.
Menschen sind extrem gut darin, sich ihre „Verbrechen“ – die ja immer als kleine „Vergehen“ oder „Sünden“ anfangen –  schön zu reden, vor allem wenn niemand sie jemals damit konfrontiert und sie sich selbst nicht damit auseinandersetzen wollen (vor allem vielleicht, weil es ja heutzutage immer viel Wichtigeres zu tun gibt, als sich mit sich selbst oder Kritik zur eigenen Person auseinanderzusetzen).
Menschen zensieren lieber Meinungen, die sie nicht hören wollen, weil sie ihre Kontrolle über ihr Leben hinterfragen, oder schließen andere aus ihrer Gemeinschaft aus, die mit zu viel Kritik und Offenlegen von „Kontrollproblemen“ in dieser Welt ein angeblich friedliches Zusammenleben stören.

Mir war das schon immer verdächtig und wenig vertrauenswürdig: Wenn Menschen über bestimmte „vertrauliche“ Dinge, vor allem aber auch über Politik, nicht reden und mir keine Antworten auf meine Fragen zu dem, was sie vorher behauptet haben, geben konnten oder wollten.

Ich weiß heute, dass die meisten Menschen gerne sicher sind, bei dem, was sie sagen; dass sie vor allem sicher sein müssen, wenn sie hinterher keine Fehler eingestehen wollen.

Ich weiß heute, dass immer Angst dahinter steckt, vor allem die Angst, bei etwas versagt oder (vorher) etwas „falsch“ interpretiert oder gemacht zu haben.

Ich weiß heute, dass viele Menschen glauben, technische Errungenschaften oder die Meinung von ExpertInnen könnten ihnen dabei helfen, diese Angst zu nehmen und sichere Aussagen über etwas machen zu können.

Ich weiß aus Beobachtungen und eigenen Erfahrungen, dass es die wenigsten Menschen schaffen, sich selbst – der eigenen Intuition, also der Herzensstimme, der eigenen Vernunftbegabung oder dem eigenen Bauchgefühl – zu vertrauen, vor allem wenn sie nicht wissen, wie sie ihre „inneren Stimmen“ deuten sollen, wenn die nicht alle dasselbe sagen, also im Einklang sind.

Ich kann nur sagen: Das lässt sich lernen!
Vertrauen ist uns einerseits angeboren; aber es ist auch ein Lernvorgang, wenn unser Urvertrauen erschüttert wurde. Es ist ein Lernvorgang, bei dem sich Menschen mit der Zeit wieder sicherer werden können, dass das, was sie tun, auch das Richtige für sie ist. Vertrauen lässt sich nicht im Voraus berechnen oder „zur Sicherheit“ kontrollieren – weil unterschiedliche Situationen eine unterschiedlich lange „Vorarbeit“ und vielleicht sogar Ruhezeiten brauchen. Wir können nur lernen, darauf zu vertrauen, dass irgendwann der für uns „richtige“ Zeitpunkt kommen wird, an dem wir uns ganz sicher bei dem sein werden, was nur wir selbst „am Besten“ wissen können oder tun möchten.

Menschen, die sich aus Angst, die sich als Ungeduld oder auch Langeweile oder Übermut tarnen kann, zu etwas drängen oder hinreißen lassen, laufen die größte Gefahr, Dinge in ihrem Leben zu bereuen, sich als Opfer von Umständen oder anderen Menschen zu betrachten und Sündenböcke dafür zu suchen, was sie selbst „verbockt“ oder zumindest nicht verhindert haben – obwohl sie es gar nicht hätten unterstützen oder mitmachen müssen. Es ist ein bekanntes Spiel, dass sich Menschen in unangenehmen Situationen seit jeher gerne den schwarzen Peter zuschieben statt sich ihrer Eigenverantwortung bewusst werden.

Ich kann nur sagen: Es ist aussichtslos, sich selbst oder andere immer „unter Kontrolle halten“ oder sogar immer mehr kontrollieren zu wollen, wenn man nicht gleichzeitig lernt, auf sich selbst zu vertrauen, also all das auch zu lieben, was man in sich trägt, und auch darauf, dass alle anderen Menschen Ähnliches in sich tragen.

P.s.: Blindes Vertrauen in technische Entwicklungen, Testergebnisse oder Werbeversprechen und PR-Aktionen, besonders wenn Menschen für Produkte werben, die sie gar nicht selbst hergestellt haben, oder Testverfahren anwenden, die sie gar nicht verstanden haben, ist nie gut. Unsinnig ist Vertrauen dagegen, wenn man wiederholt schlechte Erfahrungen mit denselben Dingen oder anderen Menschen macht, ohne etwas daraus zu lernen. Eine gesunde Skepsis hat nichts mit Argwohn zu tun; ständige, „vorauseilende“ Kontrolle und Überwachung, ich nenne es Sicherheitswahn oder Paranoia, macht unser menschliches Zusammenleben dagegen mit der Zeit immer mehr zur Hölle; das ist zumindest meine Meinung.

P.p.s.: Den „falschen“ Menschen vertrauen in erster Linie Menschen, die nicht wissen, welche Möglichkeiten es gibt, andere zu täuschen und zu betrügen. Die ersten neuen Schulfächer, die ich für Kinder einführen, aber besonders für angehende PolitikerInnen verpflichtend machen würde, wären „Wie wird mit Werbung Psychotricks gelogen, um auch Geld zu verdienen, während Menschen Schaden davon tragen“ und „Warum, wie und von wem lässt sich das menschliche Gehirn besonders leicht täuschen?“ – denn die größten BetrügerInnen und VerbrecherInnen dieser Erde genießen zum Teil noch das Größte Vertrauen bzw. lassen sich aktuell nicht kontrollieren.

P.p.p.s.: Unserem besten menschlichen Frühwarn-Kontroll-System, den inneren Alarmglocken, scheinen die wenigsten Menschen heute noch zu vertrauen, bzw. scheinen sie nicht gelernt zu haben, damit umzugehen …

 

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Dank für das Foto gebührt der Management Circle AG, die sich in ihrem Blog in ihrem Sinne mit Vertrauen und Kontrolle beschäftigt hat (und andere Schlüsse zieht als ich sie ziehen würde), bzw. dem unerwähnten Menschen, der es gemacht hat,