Lebewesen ohne Lebensaufgaben

Die Risiken und Nebenwirkungen des „modernen“ Lebens, das vielen immer noch erstrebens- oder erhaltenswert erscheint

In der Natur geht es jeden Tag darum, zu überleben. Tiere können sich wenig „Freizeit“ davon nehmen – nur wenn sie sicher sind, dass ihnen nichts passieren kann, wenn sie sicher sein können, dass andere ein Auge auf sie haben und sie bei Gefahr warnen oder schützen, können sie es sich leisten, unachtsam zu sein und „einfach mal ihre Seele baumeln“ und tun und lassen zu können, worauf sie gerade Lust haben.

In ihrer Kindheit werden vor allem in sozialen Gruppen lebende Tiere, nicht nur von ihren Eltern, sondern auch von allen Älteren, von denen meist nicht alle gleichzeitig eigenen Nachwuchs haben. gemeinsam beschützt. In der Jugend lernen sie durch ihre Beobachtungen und eigene Experimentierfreudigkeit nicht nur von ihren Eltern, sondern auch von allen anderen Gruppenmitgliedern, was sie für (überlebens-)wichtig erachten. Wer das „Falsche“ lernt und sich auch von niemandem überzeugen lässt, dass er/sie im Sinne des eigenen Überlebens „unvernünftig handelt, wird entweder von der Gruppe verstoßen, mit der Zeit krank oder früher oder – bei Unachtsamkeit – früher oder später verletzt oder getötet.
Im Erwachsenenalter hat jede/r einzelne eine bzw. oft auch wechselnde Aufgaben in der Gruppe, die zum Zusammenhalt und Wohlergehen der Gemeinschaft beiträgt.
Und wer es bis ins GreisInnenalter schafft und es sich sozial verdient hat, wird bis zum Tod von anderen mitversorgt.

Davon haben wir Menschen uns weit entfernt, und wundern uns darüber, dass wenige Menschen den Sinn in ihrem Leben benennen könn(t)en.

Viele Menschen „wollen“ zwar Kinder, müssen sich dann – wenn sie sich schon im Wachstum befinden oder sogar schon auf der Welt sind – über all das, was neugeborene Menschen am meisten brauchen, erst einmal informieren (lassen) – sie haben also völlig verlernt, wie sie die Bedürfnisse ihrer eigenen Kinder erkennen und sinnvoll befriedigen können. Erschwert wird das durch ein Wirrwarr von Informationen, mit denen andere Menschen versuchen, Geld für ihr eigenes Leben zu verdienen, also eine Informationsflut, die sich an alle Menschen richtet, aber gar nicht für alle gleich sinnvoll. Aber wie sollen Menschen, die sich schon nicht auf sich selbst, ihren eigenen gesunden Menschenverstand und ihre Intuition verlassen (dürfen), um ihre Kinder großzuziehen, denn in der Lage sein, unter unzähligen Gesundheits- oder Erziehungs-Tipps die auszuwählen, die nützlich sind und nicht vielleicht sogar nachhaltigen Schaden anrichten? Ein Hund, der in der Obhut oder Abhängigkeit von Menschen seine Jungen aufziehen muss, bringt ihnen mit Sicherheit andere „Lebensweisheiten“ bei als ein auf der Straße lebender. Nur wir Menschen „denken“ bzw. lassen uns einreden, auch Menschen, die gar nicht unter denselben Bedingungen leben wie wir leben, könnten wissen und uns sagen, was gut für uns ist. Kein Wunder, dass die „Lebensaufgabe Kindergesundheit und Kindererziehung“ in unserer Gesellschaft offensichtlich nicht sehr verantwortungsvoll geleistet wird – wenn ich mir das Ausmaß von Erkrankungen wie Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Zahnschäden, Übergewicht und Stoffwechselstörungen, Fehlsichtigkeit, Wirbelsäulendeformierungen, … ; die katastrophale Situation in einem immer mehr auf Indoktrinierung und Meinungsmache statt freier Meinungsbildung beruhenden Bildungssystem; oder mittlerweile auch wieder einmal gestiegene Suizidrate unter Kindern und Jugendlichen betrachte.
Kinder sind vor allem in Deutschland wenig gesellschaftlich „integriert“, Eltern mit Kindern müssen sich häufig auf die politische Entscheidungen zu ihren Gunsten verlassen, weil sie sonst – wenn sie nicht das Glück haben, Unterstützung in der Verwandtschaft oder im Freundeskreis zu finden – im wahrsten Sinne des Wortes verlassen und inmitten eines sogenannten Sozialstaates auf sich alleine sind.

Die einzige echte Lebensaufgabe innerhalb des Lebens, das die meisten von uns „modern“ und „kultiviert“ nennen, erfüllen Berufstätige, die das Geld erarbeiten, das entweder ihre Eltern für sie ausgegeben haben oder das sie brauchen, wenn sie nicht mehr selbst arbeiten und Geld verdienen können.
Im Ruhestand dürfen Menschen dann zufrieden auf das zurückblicken, was sie in ihrem Leben geleistet haben; eine Lebensaufgabe haben vermutlich die meisten dann nicht mehr bzw. sehen sich auch gar nicht mehr „verpflichtet“ dazu, eine haben zu müssen. Wenn sie vorgesorgt und das Glück haben, dass das, was sie sich für ihr Alter erträumt und ausgemalt, worauf sie also hingearbeitet haben, Früchte trägt, geben ihnen z.B. ihre Kinder und Enkelkinder oder andere „Projekte“ wieder eine, die ihnen Freude bereitet.

Wir sind weit davon abgekommen, ein erfülltes Leben führen zu können, das wir von Natur aus führen könnten.
Sogar unsere Haustiere bekommen immer seltener die Möglichkeit, ihre natürlichen Bedürfnisse und ihre „Lebensaufgaben“ – z.B. für gesunde Nahrung, ein Zuhause mit Schlaf-, Ruhe- und Beobachtungsplätzen, für Sicherheit und körperliche Bewegung sowie geistige Abwechslung zu sorgen – ausleben zu können.
Wir Menschen haben es uns – vor allem mit „Hilfe“ politischen Drucks hinsichtlich Wirtschaftswachstums und Förderung (bio-)technischer Weiterentwicklungen – so bequem gemacht, dass viele von uns nicht einmal mehr wissen, was dabei alles kaputt gegangen ist und weiter zerstört wird.

Als Lebenswissenschaftlerin kann ich nur sagen: es ist nicht nur die Natur und das Leben von (einst) naturnah lebenden Menschen, es ist auch unsere Menschlichkeit – das Gefühl, im Leben nicht nur für uns selbst, sondern auch für andere sorgen zu können bzw. zu müssen, damit es uns allen gut damit geht.
Leider sind wir uns einfach nicht einig, welche Rolle Geld dabei spielen soll …

P.s.: Es ist z.B. wenig nachhaltig, bewusster zu konsumieren, aber das eigene Geld bei Banken zu lagern, die ihre Gewinne mit dem Abholzen von Regenwald und oder anderen zerstörerischen, menschenverachtenden, menschenrechtsverletzenden Investitionen erzielen oder weiterhin Unternehmen zu unterstützen, die mit „green washing“ versuchen, die Schäden auszubügeln, die sie weiterhin Menschen und unserer Natur zufügen.

 

—————————————

Dank für das Foto gebührt Drew Beamer (auf Unsplash)!