Lebenszeichen deuten

Das Ich-Verständnis als Lebensgefahr

Was das Leben genau ausmacht, darüber streiten sich nicht nur WissenschaftlerInnen.
Deshalb finden sich dazu unzählige, leicht voneinander abweichende, wissenschaftliche und bewusst nicht- oder nach Meinung diverser WissenschaftlerInnen unwissenschaftliche Definitionen.

Keine kann jemals ausreichend sein, kein Mensch wird jemals in Worten ausdrücken können, was Leben ist, weil man leben, es also erfahren, bzw. daran gehindert werden muss, um überhaupt eine Vorstellung davon zu bekommen.
Deshalb wird vermutlich auch jede/r nicht-Biologe verstehen, was ich meine, wenn ich darauf hinweise, dass jedes Lebenszeichen gar nicht allein für sich betrachtet werden kann, sondern nur im Zusammenhang Sinn ergibt und daher jedes einzelne nur für sich mit Vorsicht zu genießen ist und in fließenden Übergängen zu allen anderen steht.

Ein Kennzeichen von Leben ist auf jeden Fall (Fort-)Bewegung, auch geistige: Menschen sind nicht dazu gemacht, still zu sitzen und keine Gedanken zu haben; sie fühlen sich sogar mit der Zeit selbst faul oder unausgeglichen, wenn sie zu wenig für ihren Körper und/oder Geist tun, wenn es zu wenig (An-)Spannung in ihrem Leben gibt. Sie brauchen aber immer wieder auch ausreichend Ruhe- und Entspannungszeiten, weil sowohl körperliche Bewegungen als auch das Denken Energie kosten, die vorher bereitgestellt worden sein muss.

Ein weiteres Kennzeichen von Leben ist also der (Energie-)Stoffwechsel: Menschen brauchen Nahrung, auch geistige, um ihr Leben, ihre Organfunktionen – bzw.vor allem ihre Steuerzentrale, das Gehirn – aufrecht zu erhalten, und sie brauchen Ausscheidungswege, um anfallende „Abfälle“ zu entsorgen bzw. hin und wieder aus bewusst „auszumisten“ und ihrem ganzen Organismus die Möglichkeit zu geben, sich neu zu ordnen – vor allem wenn sich die Umweltbedingungen ändern.

Alle Lebewesen müssen an ihre jeweiligen Lebensumstände angepasst sein; oder sie müssen kreativ genug sein, sich ihre Lebensumstände so zu gestalten, dass sie darin (über-)leben können. Anpassung ist ein Lernprozess – wer als Lebewesen nicht in eine Umwelt hineingeboren wird, an die es von Natur aus angepasst ist, oder wer nicht lernt, sich noch daran anzupassen, wird früher oder später nicht mehr lebensfähig sein und sterben.

Lernen heißt Informationsverarbeitung; Lernen im Leben heißt also lebenslang Trial & Error auszuhalten: etwas ausprobieren, damit scheitern oder Erfolg haben und dann etwas Neues ausprobieren. Wer denkt, er/sie könne sich die eigenen „Fehler“ komplett sparen, hat (noch) nicht verstanden, was Leben bedeutet.

Leben bedeutet eben auch potenziell unendliches Wachstum, potenziell unendliche Weiterentwicklung (Evolution) und potenziell unendliche (Entfaltungs-)Möglichkeiten – wenn wir dabei nicht unsere lebensnotwendigen Ressourcen aufbrauchen.

Für uns Menschen wird auf dieser Erde das Leben allerdings zu Ende sein, wenn wir keine Nahrung mehr finden, keine Energie mehr aufbringen, uns nicht mehr an die verfügbaren Lebensumstände anpassen und nicht mehr selbst weiter wachsen, uns nicht mehr weiter entwickeln können – für uns auf individueller Basis genauso wie für die Art Homo sapiens.

Im Prinzip sind alle Organismen von Natur aus unsterblich, wenn sie nachhaltig leben; aber sie sind als Individuen vergänglich, wenn sie es nicht schaffen, ihren Organismus vor der Zerstörung von außen oder innen zu bewahren.
Es gibt in einer Welt voller Unsicherheit und Unvorhersehbarkeiten viele Gefahren von Außen, gegen die sich einzelne Organismen – Zellen oder „höher organisierte“ Lebewesen, im Grunde Zell-Systeme – allein oft gar nicht schützen können; so dass sie sich überindividuell zusammentun müssen, um ihre individuelle Überlebensmöglichkeit in der Gruppe zu erhöhen.
So tauschen sie ihre Identität, ihre eigene, individuelle Verwundbarkeit, ihre Verletzlichkeit, gegen mehr Sicherheit, aber damit auch Abhängigkeit von anderen, ein. Manche Lebewesen geben ihr „Ich“ aus Angst (vor der eigenen Vergänglichkeit im Leben) schon lange auf, bevor sie sterben.

Einzelne, eigenständig überlebensfähige Zellen wie Bakterien, sozusagen „natürliche Ich-Persönlichkeiten“ teilen sich – zu Zeiten wenn sie besonders gut versorgt sind und bevor sie eine bestimmte Größe erreicht haben, bevor sie also „zu groß“ werden und vielleicht platzen könnten – „sicherheitshalber“ schon mal in zwei neue Zellen, geben also ihr „Ich“ auf, um es gleichmäßig auf zwei oder mehr neue Individuen zu verteilen. Ich vermute, das ist einer der natürlichen Gründe, warum sich sowohl Pflanzen als auch Tiere und Menschen in Stresssituationen besonders stark zu vermehren versuchen, also besonders viele Nachkommen zeugen.
Viele der „Sprösslinge“ können es gar nicht schaffen, unter denselben Stressbedingungen zu leben, also nur die, die es schaffen, sich am Besten damit abzufinden und daran anzupassen.

Wir Menschen haben die Fähigkeit, ein natürliches Bewusstsein dafür, das zu verhindern – indem wir lernen, die Lebenszeichen zu deuten und zu verhindern, dass wir nicht in blindem Aktionismus aus Mitleid jedes Leben zu retten versuchen, für das gar kein zukünftiger Lebensraum und nicht genug Ressourcen verfügbar sein können, für die wir also selbst gar nicht genug eigene Ressourcen – in erster Linie Zeit, Energie und Liebe – aufbringen können, die wir also selbst gar nicht lebenslang immer wieder retten können.

Jedes Lebewesen, jeder Mensch, der bereits das Licht der Welt erblickt hat, hat in meinen augen die bestmögliche Unterstützung durch andere verdient, solange er/sie sich nicht selbst versorgen kann. Aber jede/s Lebewesen, jeder Mensch muss auch irgendwann die Möglichkeit bekommen, sein Leben entweder möglichst unabhängig von der Hilfe durch andere führen zu können oder jederzeit freiwillig zurückkehren zu dürfen zu denen, die es/ihn/sie erschaffen, gezeugt oder vor irgendetwas oder jemandem gerettet haben.

Auf der Erde wird vielen diese Möglichkeit überhaupt nicht gegeben oder auf immer gewährleistet.
Die meisten Menschen lernen, trotz umfänglichen verfügbaren Wissens nicht einmal, auf ihren eigenen Organismus zu achten; wissen nicht einmal, dass sowohl Körper als auch Geist und Seele gut versorgt werden müssen, um nicht krank zu werden; haben keine Ahnung davon, wie sie ihre natürlichen Bedürfnisse verstehen könnten und lassen sich von (lebens-)unwichtigen, äußeren Einflüssen ablenken statt sich vor den eigentlichen Lebensgefahren zu hüten.

Wir Menschen können heute frühzeitig verstehen (lernen), wenn wir das Interesse und den Mut dazu haben, was Leben und Verantwortung dafür bedeutet: denn Lernen kostet Zeit, Energie und auch Selbstvertrauen, etwas lernen zu können. Zum Spaß lernen heute die wenigsten. Das wurde vielen bereits in der Schule, spätestens in einer Ausbildung oder auch in einem Studium, das gar nicht halten konnte, was für die wenigsten hält, was sie sich davon versprechen, abtrainiert. Menschen müssten nicht immer wieder die gleichen schmerzvollen Erfahrungen machen, wenn sie genau beobachten, zuhören, nachfragen und auch immer wieder nach innen nachspüren würden.

Menschen könnten lebenslang Freude am Lernen und am Leben haben – statt einfach nur möglichst viel Spaß, den man sie sich zu bereiten versuchen, wenn sie nicht verstanden haben, wofür die Dinge, die keinen Spaß machen – vermutlich niemandem – da sind.
Sie könnten lernen, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und sie auch vor all dem Leid und vor dem Tod nicht zu verschließen. Wir Menschen sind dazu geschaffen, mit vorhandenem Leid ungehen zu lernen und dadurch auch zukünftiges Leid bewusst zu verhindern, indem wir nicht unbewusst und unnötig weiter dazu beizutragen.

Menschen sind nicht dazu gemacht, untätig zu bleiben.
Menschen können sich im Prinzip immer wieder etwas Neues einfallen lassen, um gleichzeitig sowohl ihren natürlichen Bedürfnissen nachkommen als auch anderen dabei helfen zu können, für ihre zu sorgen. Hierbei gibt es nur offensichtlich noch viele Verwechslungen und Missverständnisse (im Informationsaustausch), die sich aus dem Ich-Verständnis jedes einzelnen ergeben.
Mich macht traurig, wenn ich sehe, wie viele Menschen sich damit selbst boykottieren oder zerstören; aber helfen kann sich am Ende jede/r nur selbst – indem er/sie sich die Informationen sammelt, die er/sie braucht, um mehr Selbstverständnis und -sicherheit zu gewinnen und ein selbstständiges, selbstverantwortliches Leben führen zu können und Spaß daran zu haben.

Menschen müss(t)en ihre Freude am Leben nicht verlieren, wenn sie sie sich nicht von anderen – oder sogar vom eigenen „Ich“, dem Ego, nehmen lassen, das nicht herausfindet, welche wichtige Rolle es auch im Leben vieler anderer Menschen spielt.
Jeder Mensch könn(t)en sie sich – genauso wie die eigene Gesundheit, jeden Tag – solange er/sie lebt – zurückerobern, es zumindest versuchen; denn im Prinzip weiß niemand, welche Lebens- und Selbstheilungskraft tatsächlich in jedem/jeder einzelnen von uns steckt, solange er/sie es nicht versucht, sie „auszuprobieren“ und sie sinnvoll und vernünftig, bewusst, zu nutzen.

Ich persönlich bin mir sicher, dass es – auch wenn ich ihn noch nicht gesehen habe – einen „Ort“, vermutlich eher ein Bewusstsein gibt, an dem ich immer sicher und willkommen sein werde, auch wenn ich keine Lebenszeichen mehr von mir geben kann.

P.s.: „Leave nothing but footprints“ ist vermutlich ein Lebensmotto, an dem die Menschen nur scheitern können; aber es wäre in meinen Augen bereits erstrebenswert, wenn wir es uns zum allgemeinen Ideal machen würden, dem wir uns alle, aber in erster Linie individuell, bestmöglich anzunähern versuchen würden statt möglichst viel Schaden dabei anzurichten und „Dinge“ zu hinterlassen, mit denen andere vielleicht auch noch etwas anfangen können.

 

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Dank für das Foto gebührt Mathias Csader, der einer unter vielen ist, die mir in meinem Leben schon dabei geholfen haben, immer besser zu unterscheiden, welche Hilferufe ich ernst nehmen sollte und was ich persönlich tun kann, um meine Mitwelt am Leben zu erhalten und meine Lebensumständen möglichst lebendig zu gestalten, und wen ich gar nicht retten kann.

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