Generationen- und andere Konflikte

Wenn „friedliebende“ Menschen nicht einsehen (wollen), dass sie auch KriegstreiberInnen sind

Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen sich einreden, also versuchen, sich vorzumachen, dass vor allem unser, angeblich demokratisches, Gesellschaftssystem mit seinen Regeln und Gesetzen für Ruhe und Frieden und Gerechtigkeit in der Welt und zwischen Menschen sorgt. Wer jedoch die Augen öffnet und nicht nur die aktuelle Berichterstattung verfolgt, sondern auch ein bisschen in unserer Vergangenheit stöbert, erkennt ziemlich leicht, dass das noch nie der Fall und Frieden immer nur die Zeit zwischen zwei Kriegen war.

Genauso – wie sollte es in einer Welt, in der alles mit allem anderen zusammenhängt, auch anders sein – funktionieren auch viele Familien und Partnerschaften, sogar Freundschaften und Unternehmen. Ich sehe heute kaum menschliche Beziehungen, die so funktionieren, dass auftretende Probleme schnell wieder gemeinsam, friedlich und demokratisch, gelöst werden. Ich sehe stattdessen, wie sich Menschen, die behaupten, dass sie sich lieben und respektieren, sich gegenseitig entweder zu kontrollieren und manipulieren versuchen oder sich sogar immer mehr Probleme machen – weil sie gar nicht alle dieselben Probleme haben oder sehen können und stattdessen versuchen, alleine sowohl die eigenen als auch die aller anderen zu lösen. Dass das frustriert und wütend oder deprimiert macht, ist für mich nicht verwunderlich – auf jeden Fall führt es auch dazu, dass – statt endlich mehr – immer weniger (gewaltfrei, friedlich) miteinander kommuniziert wird.

Ich habe eine These, die mir erklärt, warum gerade die Menschen so besonders unmenschlich und grausam werden können, ohne dass es – wie bei besonders blutigen Auseinandersetzungen im Tierreich – um Leben und Tod oder den Schutz des eigenen Nachwuchses gehen würde: Die Gewalt(bereitschaft) zwischen Lebewesen nimmt in dem Maße zu wie die Gesprächsbereitschaft abnimmt. Und: Umso mehr Verständigungsmöglichkeiten und Verständnis (also auch Intelligenz) es gibt bzw. geben könnte, umso grausamere Ausmaße kann sie annehmen.

Im Tierreich wird entweder lautstark kommuniziert, um sicher zu stellen, dass andere verstehen, was man vermitteln möchte; oder mit Nachdruck, also Geduld und Ausdauer gearbeitet, wenn man etwas erreichen und sich bzw. die eigenen Bedürfnisse verständlich möchte. Vor allem der Umgang mit ihren Jungtieren ist bei sozialen Tierarten oft sehr viel liebevoller als der der Menschen, die – aufgrund eines etablierten Gesellschaftssystems – unter sozialem, gesellschaftlichen Druck stehen.
Druck, den ein System schafft, das für Gerechtigkeit und Frieden sorgen soll …

In meinen Augen lassen „friedliebende“ Menschen genau damit, dass sie selbst keine Politik betreiben, nicht „unnötig“ diskutieren, nicht protestieren keine Verhandlungen führen, nicht immer wieder neue Absprachen treffen und nicht immer wieder neu begegnen wollen – also im Prinzip aus Bequemlichkeit – zu, dass andere darüber entscheiden (müssen/dürfen), was wir alle in unserem Leben, für unser Überleben, brauchen, was also lebenswichtig für uns ist, und was uns schützen soll. Ich vermute, die meisten wissen spätestens jetzt – nach Monaten der Repression wegen einer „Pandemie“, die sich im Rahmen der jährlichen Grippewille (die ja auch eine Pandemie ist!)  – , dass das naiv und kindisch war.
Glücklicherweise gibt es heute, nach Jahren der Politikverdrossenheit, wieder viele Menschen, die „gesellschaftlich erwachsen“ geworden sind bzw. das Ende ihrer „politischen Pubertätsphase“, in der sie sich Politik vollkommen verweigert haben; die sich also nicht mehr wie kleine Kinder von einer „Mutti“ vorschreiben lassen möchten, was sie in ihrem Leben dürfen und was nicht.
Ich habe bisher in meinem Leben nie die Chance gesehen, politisch etwas verändern zu können, weil zu viele der Menschen, die für eine funktionierende Demokratie notwendig sind, überhaupt nichts an ihrem Leben und Verhalten ändern wollten, „nur“ damit es anderen, ärmeren Menschen, vor allem in ärmeren Ländern, Tieren oder der Natur, also ihrer Mitwelt zukünftig auch besser geht.
Heute freue ich mich über jede/n Einzelnen, der erkannt hat, was Demokratie und (Meinungs-)Freiheit bedeutet: allen nicht nur eine eigene Meinung und Stimme zuzugestehen, sondern sie auch immer wieder danach zu fragen; sie nicht nur zu bitten, auch Unangenehmes zur Sprache zu bringen, sondern sie sogar so lange dazu zu ermuntern, bis sie alles, was vielleicht sogar gegen eine Mehrheitsmeinung spricht, offen auf den Tisch zu legen bzw. ihnen klar zu machen, dass sie jede Entscheidung mittragen müssen, sich also nicht damit aus der Verantwortung ziehen können, dass sie sich ihrer Stimme enthalten, also darüber schweigen, was sie wissen und vielleicht aus Feigheit, „falscher Scham“ nicht zur Sprache bringen.

Ich habe den Eindruck, viele soziale Tiergruppen schlagen sich enorm viel besser als Menschen darin, demokratisch zu sein, also sich mit echten demokratischen Entscheidungen abzufinden bzw. auch zusammen aufzubegehren, wenn ein/e selbsternannte/r Diktator/in nicht im Sinne des Gemeinwohls, also ungerecht handelt.
Tiere in Freiheit leiden freiwillig nie so lange wie Menschen, wenn sie etwas an ihrer Situation ändern können. Tiere wissen, dass sie sterben, wenn sie nicht dafür sorgen, dass ihre Bedürfnisse wahrgenommen und respektiert werden. Tiere werden dadurch schneller kreativ. Sie lassen nicht zu, dass sich Wut und Verzweiflung so lange anstauen, bis sie so zerstörerisch werden wie im Reich des modernen Menschen, wo selbst eng beieinander lebende Menschen oft nicht einmal bemerken, wenn anderen etwas fehlt oder was sie brauchen. Wildlebende Tiere kommen vermutlich auch öfters in die Situation, lernen früher oder besser, sich verständlich machen zu müssen, aber auch, loslassen oder aufzugeben, wenn niemand da ist, der/die zuhört oder verstehen könnte – zumindest habe ich den Eindruck, sie lassen sich von Verlusten im Leben nicht ganz so quälen wie Menschen oder auch unsere Haustiere, die wir domestiziert, also von uns abhängig gemacht haben.
Tiere sind vielleicht nicht so schlau wie Menschen, aber sie sind auch lange nicht so uneinsichtig und grausam. Allerdings können auch Tiere, die trauern oder über lange Zeit Verzweiflung und Wut anstauen, extrem aggressiv gegenüber anderen Tieren und Menschen reagieren, die ihre Signale nicht verstehen oder absichtlich ignorieren.

Menschen, die denken, sie wären friedliebend, aber im Prinzip nur ihre Ruhe (von anderen Menschen oder von Politik) haben wollen, erkennen oft nicht, welchen empathielosen Egomanen sie damit eine Plattform bieten und wie sie diesen mit ihrer Zurückhaltung sogar zu Ruhm und Ehren verhelfen können.
Menschen, die von anderen vor allem in Ruhe gelassen werden, sich in erster Linie um ihr eigenen Vergnügen und Seelenheil kümmern wollen, vergessen manchmal, dass wir als soziale Wesen alleine nicht gut klarkommen.
Menschen, die nur glauben und hoffen, dass andere sich in derselben Weise um sie kümmern, wie sie sich vielleicht einmal um sie gekümmert haben, scheint nicht bewusst zu sein, dass gar nicht alle anderen Menschen genauso sind wie sie selbst;  dass sie gar nicht alle dieselben Bedürfnisse, Vorstellungen oder Möglichkeiten haben: Eltern, die ihre Kinder in erster Linie großziehen oder erziehen wollen, aber keine echte Beziehung zu ihnen aufbauen und am Leben erhalten, können dabei enttäuscht und wütend werden.
Menschen, die sich erwählt fühlen, Entscheidungen für andere treffen zu dürfen, ohne sie immer wieder erst zu fragen (deren Ziel es also gar nicht ist, eine demokratische Mehrheitsentscheidung umzusetzen); die erwarten, dass es von Anfang an Protest geben würde, wenn sich jemand in seinen Bedürfnissen vernachlässigt fühlt, unterschätzen womöglich die Gutgläubigkeit und Leidensfähigkeit der Menschen.

Wer sich für andere Menschen interessiert, wer Empathie mit den verschiedenste Menschen lernt, wer Ungerechtigkeiten wahrnimmt und vor allen Menschen denselben Respekt empfindet (auch wenn er/sie das nicht immer, in jeder unvorhersehbaren Situation, vermitteln kann), weiß, dass Leid irgendwann in Widerstand oder (schwer kontrollierbare) Wut und (Selbst-)Zerstörung umschlägt.
Die Gewalt, natürlich in erster Linie die häusliche – wenn Menschen zu Hause eingesperrt werden, die nicht gelernt haben, friedlich auf engem Raum miteinander zu leben und kommunizieren – nimmt seit Monaten zu. Immer neue Gesetze zum Schutz von Kindern vor ihren Eltern, sogenannte „Kinderrechte“ werden lautstark gefordert – vermutlich vor allem von Menschen, die keinerlei Verständnis für die Ursachen von Gewalt und keinerlei Empathie für die Bedürfnisse anderer Menschen haben, von Menschen, die wenig Ahnung davon haben, was Leben bedeutet, was unser modernes, westliches Leben für Tiere und Menschen – vor allem ärmere, auch in anderen Ländern -, die sich nicht wehren (können),  bedeutet.

In einer Welt von fehlendem Verständnis füreinander und von Missverständnissen, von fehlendem Interesse füreinander, weil jede/r genug mit sich selbst beschäftigt ist, ist absehbar, dass Gewalt irgendwann eskalieren wird, wenn niemand gegensteuert; wenn nicht möglichst alle zusammen gegensteuern bzw. versprechen, ihr Bestes dafür zu geben, friedlich zu bleiben und Frieden zu stiften.

Ich habe meine Erfahrungen gesammelt; ich hüte mich heute – ziemlich erfolgreich – davor, wütend auf andere zu werden, und ich gebe mir Mühe damit, nicht unbewusst die Wut anderer Menschen zu provozieren, indem ich versuche, sie (vor sich selbst) zu beschützen, wenn ich sehe, dass sie dabei sind, sich selbst und andere zu zerstören. Am Ende wird oder wird nicht jede/r selbst darauf kommen.
Am Ende wird jede/r seinen Frieden finden.
Umso früher man ihn mit sich selbst schließt, umso früher kann man das auch mit anderen Menschen tun.
Dazu bieten sich sogar – dank Technologie – noch Möglichkeiten, selbst wenn wir alle einzeln eingesperrt sein sollten; vor allem für Paare und Familien, in denen bisher wenig gegenseitig und ausgeglichen Rücksicht aufeinander genommen oder darüber gesprochen wurde, welche Probleme (sich selbst und die eigene Wut zu verstehen) eigentlich jede/r einzeln/e hat und wie man sie gemeinsam lösen könnte.

In meinen Augen brauchen wir keine Überwachung, um uns vor „gefährlichen“ Menschen, vor GewalttäterInnen, keine Aufrüstung, um uns vor Angriffen zu schützen. Wir Menschen sind im Grunde friedliche Wesen, vor denen niemand Angst haben müsste. Wir nutzen unser naturgegebenes Potenzial nur (noch nicht?) dauerhaft friedlich; weil wir immer wieder die Verantwortung dafür auf andere abladen, die Sicherheit versprechen und behaupten, uns bzw. unser „Gewaltpotenzial“ kontrollieren zu können.
Wir müssten „nur“ lernen, immer wieder – in regelmäßigen Abständen – als Menschen friedlich miteinander zu kommunizieren, die Bedürfnisse aller anderen Menschen genauso ernst zu nehmen wie unsere eigenen. Dazu müssten wir sie in erster Linie selbst verstehen lernen, um anschließend darüber zu diskutieren, wie wir nicht nur uns selbst, sonder uns auch gegenseitig am Bestem schützen und füreinander sorgen können.
Vielleicht könnten wir dann auch irgendwann global denken …

Leider haben nicht nur kleine Kinder und Pubertierende oft „ihren eigenen Kopf“, sondern vor allem erwachsene Menschen lernen immer schwerer noch neu dazu – umso erwachsener sie sich fühlen; umso mehr sie der Meinung sind, sie hätte in ihrem Leben schon genug gelernt und wüssten ohnehin schon alles. Leider werden wir von Menschen regiert, die offensichtlich nur ExpertInnenmeinungen und Lobbyisten wirklich Gehör schenken, also deren Bedürfnisse zu verstehen scheinen bzw. ihre eigenen von ihnen verstanden fühlen.

Deshalb zähle ich auf und unterstütze selbst bestmöglich die „ewig-junggebliebenen“ FriedensaktivistInnen, auf eine neue basisdemokratische Bewegung, die sich gerade auf den Weg gemacht hat, unsere Gesellschaft langfristig zu verändern; auf Eltern, die sich für ihre Kinder eine weniger grausame Welt, weniger Unterdrückung und Gewalt wünschen und sich dafür engagieren; und auf die jüngeren und jüngsten Generationen bzw. deren Sehnsucht nach Freiheit, also weniger Kontrolle, Überwachung oder feste Gesetzgebung, und nach mehr Sinn und sinnvollen, vernünftigen, nachhaltig gewaltfreien Lösungen für die Probleme der Menschheit.
Unsere aktuelle „Mutti“ wird das wohl nicht richten können; und auch keinen ihrer „Jungs und Mädels“ scheint sie so verständnisvoll für die Bedürfnisse der BügerInnen in dem von ihr regierten Land aufgezogen zu haben, dass sie – zumindest auf mich mit ihren immer härteren, menschenverachtenden, auch militärischen (Aufrüstungs-)Maßnahmen – wirken, als wäre das überhaupt ihr Anliegen.

 

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Dank für das Foto gebührt bill wegener (auf Unsplash)!

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