Vom fehlenden Verständnis der Menschen füreinander

Und auch von WissenschaftlerInnen, denen das Verständnis für Zusammenhänge fehlt

Ich würde sagen, dass ich in dem naiven Gefühl aufgewachsen bin, einigermaßen verstanden zu werden. Zumindest hatte ich das Gefühl, die Dinge, die ich nicht verstehen kann , könnte man als Mensch ohnehin nicht verstehen. Und später habe ich nicht erwartet, dass andere alles verstehen, was ich tue, solange ich selbst dahinter stehen konnte und dafür auch nie so bestraft wurde, dass ich es nicht irgendwie verstanden hätte.
Ich hatte aber einerseits auch viele Freiheiten, es gab für mich also wenige unverständliche, in meinen Augen unsinnige, nur auf der Willkür anderer, beruhende  Einschränkungen, und ich war andererseits eine „Schisserin“, Verbote zu übertreten.
Heute kann ich mich in die vielen Kinder gut hineinversetzen, die schon früh „Probleme“ mit ihrer Verwandtschaft haben. Ich kann sehen, wie wenig Verständnis füreinander herrscht, weil die meisten entweder denken, sie hätten schon alles verstanden, oder das könnte ohnehin niemand verstehen; sie wüssten schon, was das „für eine/r“ ist, ohne dass sie sich jemals wirklich zugehört und sich erklärt hätten.

Ich habe nie erwartet, dass andere Menschen das an mir verstehen, was ich selbst noch gar nicht verstanden habe.
Aber ich habe dazugelernt.
Ich bin studieren gegangen. Ich habe an diversen Stellen gearbeitet. Ich habe viele unterschiedlichste Menschen über längere Zeit  kennenlernen, als Lebensforscherin beobachten dürfen, vom untersten Ende in unserer Gesellschaft – den MitarbeiterInnen im Tierheim – bis zu DoktorInnen und ProfessorInnen.
Heute stelle ich fest, wie wenige Menschen verstehen oder überhaupt verstehen wollen, was ich zu sagen habe; obwohl ich bereit wäre, mir die Zeit zu nehmen, um es ihnen zu erklären.

Es ist nicht so, dass Menschen nicht alles verstehen könnten.
Menschen funktionieren alle gleich – jede/r auf seine/ihre individuelle Weise: Jede/r könnte irgendwann das verstehen, was andere sagen; wenn sie Geduld trainieren und sich genug Zeit dafür nehmen würden.
Aber Menschen setzen ihre Prioritäten; sie müssen Prioritäten setzen, weil der Tag für alle von uns nur 24 Stunden hat.

Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, die Natur und das (Zusammen-)Leben, Menschen, Tiere, Pflanzen und alle anderen kleineren Organismen verstehen zu wollen. Und ich werde heute selten wirklich überrascht.
Das heißt, ich bin immer wieder überrascht, wie vielfältig die Probleme der Menschen sind, wie leicht oder schwer wir uns das Leben miteinander machen, weil viele die Zusammenhänge nicht sehen wollen.
Vielen Menschen fehlt jegliches Verständnis für sich, also auch für andere und die vielen Verbindungen dazwischen..
Sie wissen vielleicht, was sie bei ihrer Arbeit zu leisten haben, sie wissen, was andere tun oder in ihren Augen zu tun haben, wie man auf Viren testet oder wie man ihre Verbreitung mit Algorithmen hochrechnet; aber verstanden haben sie in ihrem Leben wenig.

Ich behaupte nicht, dass ich das hätte; aber ich habe meine Augen darauf geschult, nach möglichen Verbindungen zu suchen, die viele andere nicht sehen können, ohne dass sie darauf hingewiesen werden.
Vielleicht kommen sie irgendwann noch selbst darauf.
Mir wäre das zu viel kostbare Lebenszeitverschwendung.
Ich will lieber möglichst schnell verstehen, was um mich herum los ist. Und das tue ich gerade.

 

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Dank für das Titelbild mit ihren „Tänzerinnen“ gebührt meiner Lieblingskünstlerin Suleika Bachmann aus der Schweiz, auf deren zukünftige Werke – Trainingswerkzeuge für mein Verständnisvermögen – ich mich schon riesig freue!

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