Wenn Menschen sich für so gut wie gar nichts mehr zu Schade sind

Eine Welt voll von falscher Scham und blinden Gehorsams

„Der Verlust des Schamgefühls ist das erste Zeichen von Schwachsinn.“ schreibt Sigmund Freud (angeblich in seinen „Gesammelte Werke, Band 7, auf Seite 149 – ich habe es aber nicht persönlich nachgeprüft).

Ich schäme mich heute nicht, (konstruktive) Kritik an Sigmund Freuds Worten zu äußern, weil er in meinen Augen nicht deutlich genug gemacht hat, dass es unterschiedliche Formen von Schamgefühlen gibt – je nach individueller (Geistes-)Entwicklung, je nach (Selbst-)Bewusstsein der dahinterstehenden Menschen: berechtigte oder verständliche, also bewusste, und die unverständlichen oder unbewussten: Menschen, die sich lange für etwas geschämt haben, können irgendwann selbst erkennen – wenn sie neue Informationen erhalten und/oder aufgeklärt werden -, also einsehen, dass es eine „falsche Scham“ war, die sie ablegen könn(t)en, gegen die sie sich also bewusst entscheiden könn(t)en. Menschen können lernen, sich, ihre Schamgefühle, ihre (Verlust-)Ängste zu kontrollieren: indem sie Selbstbewusstsein und Mut trainieren, um unsinnige, selbstzerstörerische Schamgefühle und andere Ängste abzuwerfen; sich also nicht mehr dafür schämen, wer oder wie sie sind.

„Der Kontrollverlust über das eigene Schamgefühl ist ein Alarmzeichen auf dem Weg in den Schwachsinn.“ würde ich also Freuds Beobachtung umformulieren. Allerdings habe ich bei Freud immer wieder den Eindruck, dass er sich selbst für seine Schwächen geschämt hat; es also generell als Schwachsinn empfunden hat, so sein zu wollen, wie man ist, und stattdessen lieber dagegen zu kämpfen. Statt die eigenen „Unzulänglichkeiten“ anzuerkennen und friedlich kontrollieren zu lernen, in erster Linie durch eigenes Bewusstseinstraining, aber auch mit empathischer Unterstützung durch andere Menschen, projizieren viele Menschen sie lieber auf andere, die in ihren Augen noch größere Unzulänglichkeiten haben, und nutzen sie mehr oder weniger indirekt als Versuchskaninchen für (ihre) Methoden, menschliche „Fehler“ zu beseitigen oder wenigstens zu bestrafen.

Es gibt Menschen, denen ist das Menschsein nicht gut genug; sie glauben nicht, dass wir uns selbst und mit gegenseitiger Unterstützung – denn wir sind soziale Wesen und brauchen das Gefühl von Solidarität, wenn wir friedlich unter anderen Menschen leben möchten – kontrollieren können.
Es gibt Menschen, die glauben, dass wir festgeschriebene Gesetze dazu brauchen, dass wir uns als Menschen nicht gegenseitig schädigen, verletzen oder sogar töten.
Es gibt Menschen, die glauben, dass Menschen sich vor anderen Menschen schützen, sich gegenüber Gefahren, die von anderen Menschen ausgehen, absichern müssen.
Es gibt Menschen, die machen keinen Unterschied zwischen Menschen und UnternehmerInnen oder anderen Berufstätigen, denen es bei ihrer Arbeit in erster Linie um das Geldverdienen oder Erfolg, also Machtgewinn, geht.
Wir werden von ihnen regiert; sie leiten Abteilungen oder riesige Konzerne; sie verkaufen uns Versicherungen; sie bieten uns Geld an; sie wollen unser Geld oder mit uns Geld verdienen.
Wir lassen uns von ihnen unser menschliches Leben vorgeben, weil sie behaupten, sie könnten es besser machen.

Ich finde, wir sollten uns lieber vor dem/der/den schämen, der/die uns zum Leben erweckt, das Leben auf diesen einst leblosen Planeten gebracht hat/haben.

  • Jede/r, die/der nicht zufrieden damit ist, wie er/sie ist, welche Möglichkeiten er/sie bei seiner Geburt mitbekommen hat, könnte sich schämen.
  • Jede/r, die/der nicht möglichst gewissenhaft mit dem umgeht, was wir von der Natur geschenkt bekommen; wer den eigenen Körper vernachlässigt, den eigenen Geist zumüllen, die eigene Seele einsperren lässt, könnte sich schämen.
  • Jede/r, die/der anderen nicht zugesteht, dass sie genauso wertvoll sind wie man selbst, könnte sich schämen.
  • Jede/r, die/der sich einreden lässt, er/sie wäre weniger wert als andere, könnte sich schämen.
  • Jede/r, die/der in seinem Leben zu einem Opfer macht oder machen lässt, könnte sich schämen.

Niemand müsste sich mit dem zufrieden geben sollen, was er/sie ändern könnte.
Menschen müssen nicht auf der Stelle treten, sich das „schön reden“, was einfach nicht schön ist, was also viel zu unschöne Seiten hat.
Menschen müssen nicht alles mitmachen, nur weil es andere tun.
Es hat sich im Nachhinein schon oft gezeigt, dass es sinnvoller gewesen wäre, wenn jemand die eigene Angst und Schamgefühle – dass er /sie es vielleicht einfach nicht verstanden hat – überwunden und nachgefragt bzw. eine verständliche Erklärung dafür gefordert hätte „Warum“, etwas notwendig sein und getan werden soll (vor allem wenn die Antwort – entweder erneut „Angst“ oder „eigennützige Gründe“ – ohnehin schon allen hätte klar sein können …).

  • Aus Scham etwas mitzumachen kann unendlich größeren Schaden anrichten als die eigene Angst zu überwinden und Widerstand zu leisten.
  • Menschen, die sich für sich oder andere schämen, für ihre Kinder, für ihre Eltern, für ihre Freunde, können zu Unmenschen werden.
  • Scham und Ängste verschwinden selten zufällig und nie von alleine. Es ist also unsinnig, es lohnt sich nicht, darauf zu warten, dass sie irgendwann – einfach nur indem man älter wird, sonst aber nichts dafür tut – vergehen oder sich in Luft auflösen werden.
  • Schamgefühlen und Ängsten lässt sich mit Ignoranz, Verdrängung und Abschottung, also dem Augen-davor-verschließen, oder mit Mitgefühl und Mut begegnen.

Uns Menschen bleibt die Wahl. Wir könn(t)en entscheiden, wie wir sie aus der Welt zu schaffen versuchen.

Dass Ignoranz und Verdrängung schwerwiegende individuelle, gesundheitliche – körperliche, geistige und seelische – und gesellschaftliche Nebenwirkungen haben, dürfte so gut wie jedem – mehr oder weniger aus eigener Erfahrung – bekannt sein.
Mut können Menschen nur entwickeln, wenn sie verstanden haben, wovor und warum sie selbst Angst haben oder sich schämen; Mitgefühl können Menschen nur mit anderen Menschen haben, wenn sie Verständnis dafür haben, warum diese sich schämen oder auch nicht, warum sie Angst haben oder warum nicht.
Ich kenne wenige Menschen, die echtes Verständnis für menschliche Schwächen und Ängste haben; aber viele, die so tun, als ob – also trotzdem noch über andere lästern oder gegen sie hetzen – bzw. viele, die versprechen, sie zu beseitigen – mit geschickter Werbung und Propaganda, in der „Gefahrenquellen“ ausgemacht und „Sicherheitsmaßnahmen oder -produkte“ zum Schutz angeboten werden.
Wir hätten viel zu tun, Empathie zu trainieren und daraus Mut zu schöpfen.

Stattdessen versuchen sich immer noch ganz viele Menschen einzureden, dass sie Solidarität, also auch Mitgefühl, zeigen würden, indem sie sich einen Stoff-Maulkorb verpassen lassen und Abstand zu Menschen halten, die sich ohnehin schon oft einsam fühlen.
Wir sind von Natur aus soziale, also auch solidarische Wesen – uns müsste man Solidarität nicht verordnen, sondern ehrlich darüber aufklären, warum sie wichtig ist. Es gibt aber keine wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu, dass Alltagsmasken eine Virenverbreitung einschränken; es gibt keine Tests, die aktive und vollständige Viren eindeutig nachweisen können, also etwas über eine Infektionsgefahr aussagen können; es gibt aber wissenschaftliche Studien, die belegen, dass Pseudosicherheitsmaßnahmen die Menschen unvorsichtiger, nachlässiger im Umgang miteinander werden lassen; dass sogar bei Operationen die Infektionsgefahr größer sein kann, wenn ÄrztInnen dadurch Sicherheitsabstände nicht mehr einhalten.
Niemand muss sich schämen, wenn er/sie solche Informationen nicht hat, wenn er/sie noch nicht weiß, was er/sie eigentlich tut oder in seinem bisherigen Leben getan hat. Aber wer aus Bequemlichkeit oder Angst, aus falscher Scham heraus, niemandem mehr zuhören möchte, der/die zur (eigenen) Aufklärung beitragen könnte, der/die könnte sich dafür am Ende tatsächlich schämen.

Ein besonders erbärmliches Bild, für das sie sich aus menschlicher Sicht in meinen Augen schon lange schämen sollten, geben heute

  • unsere RegierungsbeamtInnen, die sich schon lange erdreisten, den Menschen im Land nicht mehr zuzuhören oder ihre menschlichen (Grund-)Bedürfnisse überhaupt noch wahr- oder ernst zu nehmen, sondern zu machen, wovon sie persönlich oder „die Wirtschaft“ – von der in erster Linie wieder sie selbst profitieren;
  • ÄrztInnen, die sich der Gesundheit von Menschen verschrieben und einen Eid geleistet haben, ihnen nicht zu schaden, aber Medikamente und Therapien mit absehbaren Nebenwirkungen verschreiben;
  • LehrerInnen, die in einem (Meinungs-)Bildungssystem arbeiten, aber dort nur ihre eigene vertreten statt auf die Bedürfnisse von ihren SchülerInnen eingehen und auch von ihnen lernen zu wollen;
  • WissenschaftlerInnen, die schon lange keine freie Forschung zum Besten der Menschheit oder Welt mehr betreiben, sondern vor allem das herausfinden, was Menschen, die bereit sind, Geld dafür auszugeben, hören, sehen, „wissen“ wollen, und produzieren, was ihnen „der Markt“ vorgibt;
  • JournalistInnen, die ihren Namen hergeben für einseitige oder zensierte Darstellung nach (angeblich) umfassenden und freien Recherchen;
  • die Pflegekräfte oder Betreuungspersonen, die ihre eigenen Interessen über die ihrer Schutzbefohlenen stellen,

ab.

Solange sie sich still und leise in den eigenen vier Wänden und hinter verschlossenen Türen dafür schämen, wird ihnen auch niemand verzeihen, niemand Verständnis für sie entwickeln können.
Solange Menschen nicht zugeben können, wovor sie Angst haben, kann Ihnen auch niemand helfen, sie zu verlieren; kann ihnen auch niemand die (Selbst-)Sicherheit geben, dass ihre Angst unberechtigt ist, dass sie schon so viel Mut bewiesen haben, auf den sie stolz sein können; dass sie stolz auf ihre Persönlichkeit und ihre individuellen Fähigkeiten sein und auch menschliche Bedürfnisse haben dürfen, für die sie sich nicht schämen müss(t)en.
Ich befürchte, dass es so lange auch Wut und Diskriminierung oder Diskreditierung und Diffamierung, Hetze, Hass und Antisemitismus, aber auch gegen Depressionen und Demenzerscheinungen in der Welt geben wird, bis das auch der oder die letzte nicht nur verstanden hat, sondern auch lebt bzw. leben möchte:
Was menschlich ist, lässt sich nicht beseitigen, ohne dass man die Menschen oder ihre Menschlichkeit gleich mitbeseitigt.
Wenn wir also friedlich zusammen leben woll(t)en, müss(t)en wir uns unserer Menschlichkeit, ihren Höhen UND Tiefen, unseren Stärken und Schwächen stellen und es nicht anderen überlassen, sie, also auch uns zu kontrollieren und alle „unerwünschten“ zu beseitigen.
Das hat uns über kurz oder lang schon immer Kriege eingebrockt; weil Menschen – auch wenn sie sich lange genug versteckt oder blind und taub gestellt haben – irgendwann ja doch immer genug davon haben, dass sie einfach übergangen werden und andere über ihr Leben bestimmen.

Im Prinzip wäre es ganz einfach, das selbst zu tun … wenn dazu nicht erst das Interesse aller daran notwendig wäre, und außerdem viel Zeit, Geduld und Ausdauer, Glaube, Vertrauen und (Lebens-)Mut statt Übervor- und Kurzsichtigkeit.
Ich plädiere jedenfalls stark dafür, dass wir – falls wir es nicht selbst schaffen – uns irgendwann gegenseitig erlauben, uns die Scheuklappen abzunehmen; weil ich mir vorstellen kann, dass es uns allen erst Freude bereiten kann, die Welt so zu sehen wie sie wirklich ist, wenn wir das zusammen aufräumen und beseitigen, was niemand von uns ertragen kann oder will.

P.s.: Es müsste in unserer Menschenwelt schon lange nicht mehr die oberste Priorität sein, ums nackte Überleben kämpfen und Geld verdienen zu müssen, sondern sie könnte darin liegen, zusammen Menschen sein zu dürfen!

 

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Dank für das Foto gebührt Caleb Woods (auf Unsplash)!

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