Eine Welt kalter, gebrochener Herzen …

… spiegelt sich auch in einer Welt zunehmender, natürlicher Extreme und menschlicher, gesellschaftlicher Spaltungen

Offene Herzlichkeit begegnet mir im Leben selten. Sie ist anders als (überschwängliche) Freude oder (verhaltener, oft angstgeprägter) Respekt, die gesellschaftlich vermutlich schon immer mehr „in Mode“ waren als angstfreie, ehrliche, neugierige Offenherzigkeit. Damit kommt man nicht sehr lange ehrfolgreich durchs Leben.
Die natürlichen Erwartungen, mit denen Kinder in die Welt geboren werden, ihre Wünsche und Hoffnungen, stehen den Ideen jeder Zivilisation im Wege: Sicherheit (der Versorgung) der Menschen und Kontrolle über sie.
Menschen sind von Natur aus nicht dazu gemacht, kontrolliert und reglementiert zu werden; jede/r Mensch kommt mit einer Berufung auf die Welt, würde also seinen eigenen Sinn im Leben suchen und finden, wenn er/sie sich nicht in einen Beruf zwingen lassen müsste (damit die Welt für die, die schon da sind, weiter so funktionieren kann, wie sie das gerne hätten); Menschen sind lernfähig und lernwillig, und freiheitsliebend. Aber sie sind auch sozial, suchen also Schutz in der Gruppe: sie ahmen deshalb viel von dem nach, was sie sehen und hören, und sie lassen sich schnell verunsichern, wenn andere Menschen etwas anderes tun oder sagen als sie es selbst gerne tun oder sagen würden. Menschen lernen im modernen Leben oft schon früh, was es heißt, sich zu schämen – wenn man ehrlich seine Meinung zu etwas sagt und die Mehrheit einer anderen Meinung ist; oder wenn man eine eigene Art hat zu gehen, stehen, handeln, auszusehen, die einer Mehrheit nicht gefällt oder die in der Mehrheit anders aussiehr.

Wir Menschen erziehen uns gegenseitig nicht zu Liebe und Respekt, sondern zum Lügen.
Unsere gesellschaftlichen Normen geben uns vor, höflich oder respektvoll, aber nicht ehrlich zu sein.
Für mich ist es nicht verwunderlich, dass sich viele Menschen so leicht – von Werbung, Politik, Unterhaltungsmedien – belügen lassen; wir haben es nicht anders gelernt.
Wir können, dürfen oder müssen nicht einmal offen zeigen oder ehrlich sagen, was in uns vorgeht. Wenn es einer Mehrheitsmeinung widerspricht, will es ohnehin niemand hören. Es gibt keine bildungspolitisch, gesellschaftlich anerkannte Methode, „AußenseiterInnen“ oder „Frei-“ und „QuerdenkerInnen“ genug Raum oder Platz und Zeit zu geben, um ihnen auf Augenhöhe begegnen, sie frei sprechen lassen und ihnen zuhören zu können; mit ihnen zu kommunizieren, ohne sie ab- oder manchmal auch aufzuwerten.
Wer sich nicht der Meinung der Mehrheit fügen will, wer einfach nur seine Meinung behalten und seinem eigenen Gewissen folgen, sich selbst treu bleiben möchte, hat es schwer in dieser Welt, in Ländern und unter Menschen, die sich frei und demokratisch nennen …

Eine offene und freie Demokratie ist nicht naturgegeben: sie ist hart erkämpft worden von Menschen, die allen anderen ihr Rechte auf Selbstbestimmung sichern wollten. Nur wer möglichst selbstverantwortlich leben kann, kann vom Leben nicht enttäuscht werden; denn wer sich zu sehr auf andere verlässt oder sogar verlassen muss, entwickelt automatisch auch Erwartungen gegenüber Dritten.

Hier schließt sich der Kreis zu den gebrochenen Herzen: echte Liebe kennt keine Erwartungen.
Es ist also eine lieblose, gesellschaftliche Welt, in die wir Menschen hineingeboren werden und in der wir selbst versuchen, uns unter anderen zurecht und unsere Liebe zu finden.

Dabei tragen wir sie von Anfang an in uns.

Die größten LiebestöterInnen sind also Menschen, die es uns moralisch verbieten wollen, zuerst an uns selbst zu denken bzw. bei allem immer zuerst in uns selbst hineinzuhören und hineinzufühlen. Von wem sonst als von sich selbst, von den eigenen Gefühlen, der eigenen Intuition, dem eigenen Verstand sollen wir denn ausgehen, um dafür sorgen zu können, dass es anderen Menschen gut geht?
Unbewusst können wir das natürlich gar nicht verhindern; aber die wenigsten sprechen es laut aus. Gleichzeitig erwarten sie, dass sich alle anderen genauso verhalten, also trotzdem – auch ohne Worte – verstehen, wie sie es meinen. Das kann gut funktionieren, vor allem wenn es abgesprochen wurde, aber von Natur aus sind wir Menschen nicht zu Telepathie geboren.

Ich freue mich heute über alle Menschen, bei denen mir schnell klar wird – durch ihre Ausdrucksweise, ihre Ausstrahlung und ihr Verhalten -, dass sie sich damit auseinandergesetzt haben, wie sich Liebe und Respekt oder ein friedliches, offenherziges Miteinander leben lässt. Ich freue mich über jede/n einzelne/n, der/die es heute schafft, sich selbst treu zu bleiben, ohne etwas krampfhaft verteidigen oder voller Scham verheimlichen zu müsse. Ich würdige jede/n einzelne/n, der/die offen zugeben kann, was er/sie sich sich wünscht oder von anderen erhofft – ohne aber zu erwarten, dass sie es auch freiwillig, von sich aus tun.

Liebe und Respekt sind Lernprozesse, die nicht vom Himmel fallen – wie uns Hollywood weismachen möchte – oder die man nicht pflegen müsste, sonder außer acht lassen kann – wie uns viele PolitikerInnen oder andere Führungskräfte im Land vormachen.
Akzeptanz, etwas (immer wieder neu) annehmen können, erfordert Zeit, wird aber mit der Zeit und denselben Menschen auch immer leichter; im Gegensatz zu Toleranz, dem Erdulden, das mit der Zeit immer schwerer wird und jede einst größere Liebe (das trügerische Gefühl, verliebt zu sein oder geliebt zu werden) zerstören kann.

Nur was wir wirklich akzeptieren können, können wir auch auf Dauer wirklich lieben; wenn wir also nicht immer wieder überprüfen und neu klären, was wir – ehrlicherweise – bereit sind zu geben und was wir uns davon erhoffen oder wünschen, bleibt die „Liebe“ früher oder später auf der Strecke.
Ich weiß nicht, wo ich es kürzlich gehört oder gelesen habe, dass das Gegenteil von Liebe nicht Hass, sondern Angst ist – und ich stimme dem zu; obwohl ich vorher noch nie darüber nachgedacht hatte. Hass entsteht aus enttäuschten Erwartungen, hat also nicht das geringste mit Liebe zu tun – denn echte Liebe kann gar nicht enttäuscht werden. Wer wirklich Liebe für etwas oder jemanden empfindet, dem/der ist es unwichtig, ob er/sie zurückgeliebt wird, der/die erwartet eben nichts als Gegenleistung für die eigene Liebe.

„Liebe Deine/n Nächste/n wie Dich selbst“ heißt es schon sinnvollerweise in der Bibel; das eine funktioniert nicht ohne das andere. Es braucht viel Liebe und Respekt für sich selbst, um auch für andere einzustehen, denen wenig Liebe und Respekt entgegengebracht wird. Und es zeugt nicht unbedingt von Liebe und Respekt anderen gegenüber, ihnen „Gutes“ tun zu wollen – wenn es in erster Linie um des Gefühles willen geht, Gutes getan zu haben und dafür belohnt werden zu müssen.

Niemand ist dazu verpflichtet, über die eigenen Wünsche und Träume zu schweigen. Jede/r, der/die sich den Mund verbieten lässt oder sich kein Herz mehr dafür dazu fasst, ist also selbst Schuld.
Jede/r, der/die glaubt, Wünsche würden einfach  – wie im Film – in Erfüllung gehen, ohne dass man das Geringste dazu leisten müsste – und sei es nur, Augen und Ohren offen zu halten, auf die eigene, innere Stimme zu hören und geduldig auf Möglichkeiten zu warten bzw. sie irgendwann zu nutzen – ist selbst dafür verantwortlich, wenn sie nie wahr werden!

Und wer umgekehrt glaubt, unbedacht ausgesprochene Worte oder lieblos erscheinende Taten würden irgendetwas über Liebe aussagen, hat ein sehr verzerrtes oder einseitiges Bild, verwechselt vermutlich (mit Angst verbundenen) Respekt oder (mit erforderlicher Duldung verbundener) Toleranz mit Liebe. Es ist absurd und unrealistisch zu glauben, man könne sich gegenseitig nie verletzen oder müsse zwanghaft versuchen, es nicht zu tun. Es ist absurd zu glauben, Menschen könnten sich ihre „Fehler“ (die immer im Auge der BetrachterInnen liegen!) verkneifen; und es ist genauso absurd zu glauben, Menschen könnten sich nicht verändern, also dazulernen, weiter entwickeln; aber es ist auch absurd zu glauben, Menschen könnten – ohne dabei krank oder unglücklich zu werden – auf Dauer und/oder jemand anderem zuliebe ihre eigene Seele, ihre Ideale verraten.
Es ist absurd zu glauben, Menschen könnten ohne Liebe und menschliche Nähe leben oder gesund bleiben.

Es ist absurd, dass wir unsere Politik darüber bestimmen lassen, wie viele Menschen, die sich so jedes Jahr ihre Liebe zeigen, zum Fest der Liebe zusammentun dürfen. Aber es ist schön zu wissen, dass die, die sich wirklich lieben, ihre Wege finden werden, zusammen zu sein!

P.s.: Leichtfertig gleichgesetzt werden auch Vorlieben mit (allumfassender) Liebe. Wer Tiere wirklich liebt, erträgt nicht, wenn sie in Gefangenschaft ausgenutzt werden oder unnötig leiden müssen; wer wirklich alle Tiere liebt, tötet keine, nur weil er/sie Angst vor ihnen hat oder ihren Anblick nicht erträgt. Wer Pflanzen liebt hat auch Mitgefühl mit „Unkräutern“.
Wer aufhört, nach der Liebe zu suchen, nur weil er/sie glaubt, „nichts mehr Besseres“ zu finden; wer aufhört, an sie zu glauben und sich auch nicht von anderen überzeugen lässt, dass sich an ihr „arbeiten“ lässt – weil er/sie für verloren oder eine Lüge hält – wird vielleicht nie wissen, wie sie sich anfühlen kann.

P.p.s.: Ich glaube, dass Menschen, die die Liebe zum Leben verloren, also in erster Linie nur Angst um ihr eigenes Leben haben, sie sich zurückholen können; wenn sie als erstes ihre Seele zurück (an die Oberfläche) holen, die sie – vermutlich in Raten – über viele Jahre verkauft oder verleugnet haben.

 

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Dank für das Foto gebührt Kelly Sikkema (auf Unsplash)!

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