Die (sich wiederholende) Geschichte von den Schlafschafen

Es war ein anstrengender Tag gewesen für die vier Schäfchen Freiheitsliebe, (Selbst-)Respekt, Selbstverantwortung und Vernunft (die wie so oft sowohl viel Wissen und eigene Erfahrungen als auch Gewissen mit sich herumschleppte).

Normalerweise wagten Sie es niemals, sich gemeinsam schlafen zu legen – kein Schaf, das dieses Gebot missachtete, hatte bisher lange überlebt. Sie waren sich also der Gefahren bewusst, die in ihrer Welt immer lauerten – Sicherheitswahn, Hoch- und Übermut, Neid und Gier oder – vielleicht die grausamste von allen – Verdrängung; im schlimmsten Fall könnten die ihnen allen gemeinsam das Leben kosten, wenn sie gleichzeitig unachtsam sein würden.
Auf ihrem langen Weg waren sie aufeinander angewiesen. Und sie wussten, dass sie sich aufeinander verlassen konnten.
Nur das fünfte im Bunde, das sich mit ihnen aufgemacht hatte, die Welt zu erkunden, die unverlässliche Intuition, hatten sie vor noch nicht allzu langer Zeit leider endgültig zurücklassen müssen: Sie hatte sie mit ihren Fantasiegeschichten immer wieder unnötig aufgehalten, obwohl weit und breit kein Grund bestanden hatte, langsamer fortwärts zu gehen. Mit ihr würden sie ja nie an ihr Ziel kommen – auch wenn sie eigentlich gar nicht genau wussten, wo(rin) das eigentlich lag.

Jedenfalls hatten sie sich jetzt alle etwas übernommen, und kaum eines der vier Schäfchen konnte noch die Augen aufhalten.

Wie ein Zeichen des Himmels standen plötzlich 3 edel aussehende Rösser vor ihnen, der ehrfurchterregende Ehrgeiz, die zierliche Selbstsucht und die schöne Verlockung, die darüber sprachen, wie erfolgreich sie den Tag überstanden hatten. Sie lachten freudig darüber, wie sehr es sich auch für sie selbst auszahlte, dass so viele Menschen bereit waren, Geld für sie auszugeben, nur um sie besitzen zu dürfen.

Die Schafe, die selbst noch nie zum Verkauf gestanden hatten, waren viel zu müde, um dem Gerede genau zuzuhören; aber sie waren sich sicher, dass die Pferde aufgrund ihrer Größe gute Aufpasser sein müssten. Also baten sie sie erschöpft, eine Warnung auszurufen, wenn Gefahr im Anmarsch sei – so dass sie sich alle zusammen eine Pause nehmen und endlich ihrem langersenten Schlaf widmen könnten.

Die Pferde blinzelten sich zu, weil sie genau wussten, dass ständig viele Gefahren durch die Gegend zogen, die ihnen zwar bisher nie lebensgefährlich geworden waren, ihnen aber trotzdem unnötig Energie raubten. Wenn die sich erst einmal mit vier Schafen beschäftigen konnten, hätte sie wenigstens einen Abend lang ihre Ruhe.

Also gaben Sie vor, sich auf den besten Aussichtsplatz zu begeben und rieten den Schafen, sich ruhig in Richtung freiem Feld vor ihnen zu verteilen, um sich im Angriffsfall nicht an die Hofmauern drängen zu lassen. Augenblicklich sanken die müden Schafe in einen tiefen Schlaf.

Aus der Ferne betrachtete traurig die Intuition – die es wie so oft nicht rechtzeitig geschafft hatte, bei den anderen zu sein und gehört zu werden – wie sich die Wölfe Angst, verletzte Würde, Herrschsucht und Verzweiflung ihren einstigen Begleitern näherten; und sie wusste, dass sowohl Respekt als auch Vernunft so gut wie verloren waren – weil sie viel zu viel gefressen hatten, um schnell oder lange genug am Stück laufen zu können. Selbstverantwortung würde mit Sicherheit zuerst sterben, weil sie schon sehr alt und oft verwirrt war, sich also vielleicht sogar selbst opfern würde.

Mit viel Glück würde Freiheitsliebe lebend entkommen.
Vielleicht könnten sie sich anschließend zusammen sogar so lange verstecken, bis sie irgendwann wieder auf mögliche zukünftige Begleiter stoßen würden, die sich nicht alle zur selben Zeit schlafen gelegt hatten. Und vielleicht würden sie ja tatsächlich irgendwann dort ankommen, wo sie es sich zusammen mit Schafen wie Freiheitsliebe schon viele Male ausgemalt hatte … Intuition plante aber wie immer viel Zeit für Befreiungsaktionen ein – weil naive Freiheitsliebe gerne vorweg prescht, viel zu schnell, um sie auf die unzähligen Freiheitsversprechungen aufmerksam zu machen, auf die sie hereinfallen könnte. Auch Intuition hatte in ihrem Leben viele Erfahrungen gesammelt und dazugelernt, obwohl sie anderen oft schwer vermitteln konnte, dass sie Dinge bereits vorher „wusste“ – sie kannte also viele der Tricks, mit denen sich freiheitsliebende (Schlaf-)Schafe leicht fangen und einsperren ließen.

Es war nicht das erste Mal in ihrem Leben, dass die Intuition hilflos mit ansehen musste, wie genau das eintrat, was mit Sicherheit nicht eingetreten wäre, wenn andere nur auf sie gewartet und ihr zugehört hätten.

 

P.s.: Unser Gehirn und Informationen lassen sich leicht manipulieren, und die Intuition ist oft zu leise oder nicht schnell genug, wenn wir Entscheidungen treffen müssen; aber spätestens das Gewissen sagt uns hinterher, ob wir gut auf uns selbst gehört haben oder uns von anderen haben täuschen lassen.

 

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Dank für das Foto, das mich zu diesem Eintrag inspiriert hat, gebührt Mathias Csader, und Dank für die Inspiration, ein Märchen daraus zu machen, gebührt einigen wundervollen Menschen, die sich am Sonntag in Freiensteinau an der Märchenstraße zusammen gefunden haben, um zusammen an einer neuen basisdemokratischen Geschichte zu schreiben.

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