„Ich bin eben von Natur aus einfach so“ ist Selbstbetrug, „Wir sind von Natur aus alle gleich“ ist propagandistische Täuschung

Wir sind alle vielmehr individuelle Menschen, die von ihren Erfahrungen geprägt sind, Entscheidungen treffen und neu dazu lernen könn(t)en

Sogar die Sonnenblumen, die ich vor einigen Monaten in meinem Garten ausgesät habe, sind individuell verschieden!
Dabei hatte ich Sonnenblumenfelder in Erinnerung, in denen alle Blütenköpfe im Laufe eines Tages eintönig in die gleiche Richtung, Richtung Sonne eben, ausgerichtet waren. „Meine“ halten zusammen irgendwie in alle Richtungen gleichzeitig „Ausschau“. Es ist ja auch für Tiere und Menschen viel vernünftiger, möglichst viele unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, um den Überblick zu behalten – das ist zuminest meine Meinung!

Ich war anfangs trotzdem verwundert. Erst habe ich noch gedacht, ich schaue vielleicht zufällig immer zu einer Tageszeit, nämlich gegen Abend nach ihnen, zu der sie sich gerade aufgrund abnehmender Lichtverhältnisse mal nicht so einig sind, mein Liebster hatte noch die Idee, dass sie gar nicht immer freien Blick zur Sonne haben und sich zum Teil eher an den reflektierenden Nachbargebäuden ausrichten. Wie auch immer, jedenfalls habe ich noch kein einziges Mal mehrere Blütenstände – denn die „Sonnenblume“ ist keine einzelne Blüte, sondern ein Blütenstand aus vielen kleinen, dunklen sogenannten Röhrenblüten mit einem Kranz aus gelben Strahlenblüten – in dieselbe Richtung „schauen“ sehen. Sie sind in meinen Augen vernünftig: sie machen das, was ihnen individuell am besten zu gefallen scheint. Und sie wirken trotzdem wie eine friedliche Gemeinschaft.

Die riesigen Sonnenblumenfelder in meinem Kopf wirken dagegen mittlerweile wie ein Heer von gleichgeschalteten Soldaten: vielleicht gentechnisch vereinheitlichtes Saatgut, ausgebracht in gleichmäßigen Abstände, gleichmäßig ausgebrachter Dünger zum Wachsen. Kein Wunder, dass die alle gleich (produktiv) sind. Kein Wunder, dass die für mich nichts mehr mit Natur zu tun haben.
Sie wollen alle möglichst schnell hoch hinaus, um der Sonne am nächsten zu sein; sie investieren möglichst wenig in eine stabile Blütenstandsachse – da sie in enger Nähe wachsen, können sie sich ja notfalls gegenseitig bei einem Sturm abstützen -, dafür lieber in auffällige Strahlen, um Insekten anzulocken, und viele Blüten, um viele Nachkommen, Entschuldigung, ich meine natürlich hohe Erträge zu erzielen.
Individualität ist schlecht für Produktivität, das war schon immer so.
Da will jemand gar nicht so groß werden wie die anderen; will sich lieber Zeit nehmen in seiner/ihrer Entwicklung oder auf einem stabilen Fundament weiter aufbauen; findet Strahlenblüten gar nicht anziehend und produziert lieber kräuselnde; will vielleicht gar keine Nachkommen „produzieren“.
Wie soll denn sonst eine auf Marktwachstum ausgerichtete bzw. sogar angewiesene Gesellschaft funktionieren? Wie soll denn sonst das Rentensystem auf Dauer funktionieren und alle, die sich in der Gesellschaft hocharbeiten, also private Abstriche machen, irgendwann genug dafür entlohnt, „honoriert“ werden?
Mich hat noch nie überzeugt, dass das „für alle das Beste“ sein soll.

Mich macht es glücklich, eine kleine Gruppe von Pflanzenindividuen einfach nur zu betrachten.
Ich habe lange mit mir gerungen, bis ich entschieden hatte, welche davon ich der fleißigen Insektenwelt frühzeitig raube und mit ins Haus nehmen werde, damit sie dort, während sie stirbt, ein bisschen Farbe und Leben hineinbringt.
Ich bin mir bewusst, was ich tue. Ich bin mir bewusst, dass dafür, dass ich lebe, andere sterben.

Deshalb kostet jede meiner Entscheidungen im Leben vermutlich viel mehr Zeit als die Entscheidungen der meisten anderen Menschen.
Deshalb habe ich mich in meinem Leben verändert.
Deshalb wehre ich mich heute noch mehr als früher gegen vieles, was mir als Kulturgut oder sonstiges Produkt verkauft werden soll, zu dem es angeblich keine Alternative gibt.
Deshalb nehme ich die Sätze „Das ist halt so, das lässt sich nicht ändern.“ oder „Das brauchen wir eben“ nicht unkommentiert hin.

Dinge sind nicht einfach so, wir Menschen machen sie schon lange zu dem, was sie sind. Nicht einmal wir Menschen sind „einfach so“ geworden, wir sind es aufgrund unserer individuellen Erfahrungen im Leben, unserer Erziehung, unserer Strategien, in dieser Welt überleben zu wollen, geworden.
Und wir könnten jederzeit Dinge verändern, nicht alle auf einmal, aber der Reihe nach.
Wir könnten uns verändern, indem wir uns zuerst bewusst werden, wie wir sind und warum wir so sind; warum wir denken, wie wir denken bzw. warum wir im Leben so viele Dinge getan haben, die wir vielleicht gar nicht unbedingt tun wollten; und dann könnten wir versuchen, uns schrittweise dahin zu bewegen, nur noch das zu tun, was wir auch verantworten wollen, wohinter wir voll und ganz stehen können. Individuell. Weil wir eben alle verschieden sind (aber vielleicht ja doch nicht so unterschiedlich in der Absicht, anderen möglichst wenig zu schaden?)

Es ließe sich so ziemlich alles ändern, und zu einem gesunden und glücklichen Leben bräuchte man ziemlich wenig – zumindest wenn man versucht, möglichst wenig Schaden bei anderen – Menschen, Tieren, Pflanzen – und in der Natur insgesamt damit anzurichten.
Große Konzerne und unsere Regierungen, die z.B. auch voll hinter gleichgeschalteten Sonnenblumen in riesigen Monokulturen stehen, scheinen daran ziemlich wenig interesse zu haben …

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