Es ist eine Lebensaufgabe, vor dem Tod davonzulaufen

Am Dienstag letzter Woche ist Peppie gestorben; ihr Herz hat in meinen Armen aufgehört zu schlagen. Sie hat ihre letzten Atemzüge genommen, als ich ihr wieder auf die Beine helfen wollte, nachdem sie – wie sehr oft in den Tagen davor – mal wieder einen Versuch gestartet hatte loszulaufen. Irgendwohin. Ein bisschen im Kreis herum. In die nächste Zimmerecke. Ins Gestrüpp im Garten.
Vielleicht weg von Schmerzen, weg von einem anstrengenden Leben? Vielleicht war es für sie Zeit zu gehen bzw. nicht weiter vor dem Tod davon zu laufen.

Der Tod ist mir dann auch die ganze Woche über täglich neu begegnet, bei den Feldhamsterkartierungsarbeiten in den Getreidefeldern: 4 tote Füchse, 1 toter Steinmarder, 1 toter Feldhase, 1 tote Wachtel, tote Mäuse, eine vermutlich zum Tode verurteilte junge Feldlerche mit verletztem Flügel. Ich habe den Eindruck, vor allem die Menschen machen es Tieren heute schwer, einem frühzeitigen Tod zu entkommen.

Peppie hatte für einen Terrier mit ihren 16 oder 17 Jahren noch kein biblisches Alter erreicht; und ich bin überzeugt, dass sie, wenn vor viereinhalb Jahren Ursachen für ihren entgleisten Blutzucker – in meinen Augen vor allem Angststress, fehlende hundegerechte „Auslastung“ und Übergewicht – beseitigt worden wären und sie nicht stattdessen insulinabhängig gemacht worden wäre, leicht die 20er-Marke hätte überschreiten können. Wenn ich von Anfang an das gewusst hätte, was mich die Erfahrungen der letzten 2 Jahre über die Funktion der Bauchspeicheldrüse, Stresshormone, Insulin und Cortisol, Hungergefühl und Blutzuckerregulation neu gelehrt haben…
Auf Altersschwäche als Todesursache deuten auch gleich mehrere tote Füchse in der Nähe eines Fuchsbaus wenig hin. Beim ersten Fund habe wir noch die nahe gelegene Straße „verdächtigt“, von der er/sie sich in Richtung Fuchsbau geschleppt haben könnte; bei Nummer 3 plus dem Steinmarder auf demselben Feld hat sich der Verdacht erhärtet, der bereits bei Fuchsleiche 2 aufkam – Gift oder eine Krankheit, also ein funktionsschwaches Immunsystem infolge von Umweltverschmutzung, fehlenden gesunden Beutetieren, vielleicht von Wassermangel oder von anderen Begleiterscheinungen des Klimawandels, die den Lebensraum von Wildtieren verändern, an den sie sich über lange Zeit angepasst haben.
Hase, Wachtel und Feldlerche sind vermutlich einer Mähmaschine zum Opfer gefallen. Wenn riesige Maschinen die Arbeit für Menschen übernehmen, bleibt keine Möglichkeit für Vorsicht oder Rücksicht gegenüber kleinen Tieren.
Nur für die Mäuse, die es mit ihrer schnell Vermehrungsrate anscheinend darauf ankommen lassen, dass sie über ihre Verhältnisse leben und gemeinsam manchmal ihre eigenen Nahrungsgrundlagen vernichten, also hohe Verluste unter Artgenossen einzuplanen scheinen, können Menschen schwerer in die Mit-Verantwortung genommen werden. Allerdings wäre es natürlicher, wenn diese kleinen Geschöpfe dann – durch Nahrungs- oder Wassermangel geschwächt – Raubtieren zum Opfer gefallen wären und nicht tot in den Feldern herumliegen würden.

An Altersschwäche oder friedlich, wenn sie vielleicht bereit wären zu gehen, sterben wohl die wenigsten Tiere. Man läuft in der Natur vermutlich davon, solange man kann. Und jedes Lebewesen hat prinzipiell – wenn es 1. unverletzt ist, 2. genug Nahrung und Wasser findet und 3. sein Immunsystem gut arbeiten kann, also sowohl trainiert wird als auch Regenerationsphasen findet, – die Chance, dem Tod zu entkommen, also schnell genug in Deckung zu gehen, zu laufen, fliegen, kriechen, schwimmen, …
Wir Menschen nehmen vielen Mitbewohnern unserer Erde diese Überlebenschance. Zum Beispiel mit „effektiven“, „großen“ technischen Errungenschaften. Außerdem verkleinern wir Lebensräume immer mehr, so dass Tiere und Pflanzen schneller und früher in einer (Todes-)Falle sitzen. Zu „guter“ Letzt vergiften wir die Natur mit vielen unserer Hinterlassenschaften – vor allem vermutlich, weil weil wir selbst versuchen, dem natürlichen Tod davonzulaufen oder ihm zumindest nicht unnötig oft zu begegnen: Indem wir versuchen, uns in der Zivilisation vor ihm zu schützen, alle möglichen Gefahren für das Leben auszuschließen, uns mit einem modernen Leben mit guter (medizinischer) Versorgung in Sicherheit vor ihm zu wiegen oder ihn einfach zu verdrängen. Koste es, was es wolle. Koste es so viele Leben – von Artgenossen, von anderen Tieren, von Pflanzen, Pilze, Bakterien, von Organismen jeglicher Art – wie es wolle.

In der Natur gilt die Spielregel „Bleib‘ möglichst gesund und unverletzt, damit Du lange lebst“, damit Du weder großen Räubern noch Bakterien und Viren zum Opfer fällst. Menschen in unserer modernen Zivilisation können es sich leisten, nicht auf ihre Gesundheit zu achten. Vielen bleibt in ihrem hektischen Leben gar keine Zeit mehr dafür, dafür versprechen „Gesundheitssysteme“, sich darum zu kümmern. Viele Menschen glauben das vermutlich gerne oder sind sogar überzeugt davon, dass sie wenig Einfluss darauf haben, was in ihrem Körper abläuft, ob sie krank werden oder gesund bleiben. Ich wünsche jedem/jeder, dass er/sie mit seiner/ihrer Überzeugung Recht behält – auch wenn ich eine andere habe.
Menschen können heute krank, mit sogenannten Vorerkrankung, leben und alt werden. Wen wundert es dann, dass es so viele kranke, tablettenabhängige Menschen gibt? Wenn das Ziel ist, unter gegebenen Umständen möglichst lange zu leben, haben wir das längst erreicht. Niemand muss mehr selbst vor dem Tod davon laufen, wenn er/sie das nicht möchte; vergessen wird dabei aber gerne, dass er trotzdem jeden Tag ein Stückchen näher kommt.
Ich weiß nicht, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen Zufriedenheit und Glücksgefühl im Leben und fehlender Angst vor dem Tod; aber ich vermute es. Und ich habe den Eindruck, dass Menschen, die sehr durchs Leben rennen, um möglichst viel davon mitzunehmen, nicht unbedingt zu denen gehören, die am ältesten werden; immerhin traf der Spruch „live fast, die young“ (oder heute vielleicht passender live fast, get sick and drug addicted young) schon auf den einen oder die andere Zeitgenossin zu.
Wer sich Zeit lässt, ist nicht immer faul. Vielleicht ist er/sie auch geduldig und vertraut darauf, dass er/sie gleichzeitig nichts anderes verpasst, dass es sich also nicht lohnt, zu schnell wieder aufzustehen und weiterzulaufen?

Peppie ist bis zuletzt gelaufen, und ich vermute leider, sie hat damit schon als Welpe in einer für sie traumatischen Umwelt begonnen.

P.s.: Ich bereue nicht, dass wir Peppie ihren Weg bis zu Ende haben laufen lassen, auch wenn wir etwa 3 Tage vorher, als sie angefangen hat, Nahrung zu verweigern – schon sicher waren, dass ihre Beine sie nicht mehr lange tragen würden. Sie sah laut zwei Passantinnen zufrieden aus, als ich am Tag vor ihrem Tod mit ihr auf dem Arm noch einmal ihre alte Gassirunde gelaufen bin – obwohl sie sich sonst bei so Vielem nicht gerne von anderen helfen ließ und auch in ihren letzten Tagen in so ziemlich jede Richtungen außer in unsere losgelaufen ist.
Ich hoffe, wir haben in ihrem Sinne entschieden, sie nicht möglichst schnell mit tierärztlicher „Unterstützung“ – vor der sie immer große Angst hatte – zu Grabe zu tragen; sondern sie auf den eigenen Beinen gehen zu lassen.

P.p.s.: Danke Süße, dass Du ein Teil meines Lebens warst und ich so viel durch Dich gelernt habe, auch wenn Du mir dabei oft den letzten Nerv geraubt hast! Und entschuldige bitte, wenn ich vermutlich oft nicht verstanden habe, was Du wirklich wolltest und brauchtest… Ich hab‘ mein Bestes gegeben, auch wenn sich das, solange man im Leben noch dazu lernt, „hinterher“ ja leider nie als genug herausstellt

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Dank für das Erinnerungsfoto gebührt Mathias Csader! (https://natur-highlights.de)