Mein persönliches Naturparadies

Die Erde hat, auch wenn das dem ungeschulten Auge vielleicht entgeht, keine Naturparadiese mehr – zumindest wenn man unter einem Paradies (vom Menschen) unberührte Natur versteht. Selbst wenn der Mensch noch nicht jedes einzelne Fleckchen dieser Erde besiedelt oder zumindest besucht hat, finden sich unsere Hinterlassenschaften wie (Mikro-)Plastik oder erhöhte CO2-Werte und damit verbundene Klimaauswirkungen mittlerweile überall in Mutter Natur – vom tiefsten Regenwald bis Ozean, von den eisigsten bis zu den heiß-trockensten Wüsten. Die letzten wenigen, kaum berührten Orte wird unsere Tourismusbranche mit ziemlicher Sicherheit (ich mache ungern Prophezeiungen, weil ich nicht in die Zukunft schauen kann; aber dessen bin ich mir wirklich ZIEMLICH sicher!) auch noch für sich entdecken und demzufolge vermutlich ihr, zumindest vorläufiges, Ende einleiten.
Auf Dauer erfolgversprechender bei der Suche nach einem Zufluchtsort in der Natur, um der Zivilisation und dem Alltag hin und wieder zu entrinnen oder es sich zumindest einreden zu können, ist es, nicht nur in der Ferne zu suchen, sondern die Augen auch für kleine, individuell wirkende Paradiese offen zu halten. Das kann dann sogar, muss aber nicht, ein Leben lang derselbe Ort bleiben, an dem man eines findet.

Ich habe erst kürzlich, obwohl ich den Boden, auf dem es wächst, schon vor mehr als 4 Jahren das erste Mal betreten habe, mein neuestes Paradies gefunden: es war versteckt unter einer großen Rasenfläche, die ich in mühsamer Handarbeit vor gut 2 Jahren mit meinem Liebsten hinter seinem Haus abgetragen habe.
Der Hintergedanke war, daraus einen Gemüse- und Kräutergarten für uns Pflanzenfresser zu machen. Aber weil wir beide Anfänger darin sind und nicht nur viel Zeit dafür brauchen, uns einig darüber zu werden, was wir überhaupt wie und wo anpflanzen oder -bauen wollen, hat die Natur viel Zeit, der geplanten Kultur zuvorzukommen. Darüber hinaus gibt es für mich als langjährige Botanikerin kein „Unkraut“ (ich bezeichne manche Arten mittlerweile aber nicht mehr nur als Wildkräuter, sondern als „Überkraut“, weil sie sich in meinen Augen ein bisschen zuuuu breit machen!) – für so gut wie jede Pflanze gibt es nämlich eine Verwendung, einen Nutzen, für uns Menschen, oder aber für Tiere und zur Wahrung eines ökologischen Gleichgewichts im Garten. Deshalb darf fast alles auch erst einmal so lange wachen, bis ich erkennen kann, welche Pflanzenart versucht, sich bei uns zu etablieren.
Nur die MIR mittlerweile offensichtlichsten „Überkräuter“ – momentan vor allem mehrere Korbblütler, u.a. Löwenzahn-, sowie diverse Klee- und Ehrenpreißarten, Zitronenmelisse, Brombeere, Zaunwinde, Giersch, Gartenwolfsmilch, Gundermann, echte Nelkenwurz und Gewürzfenchel (mein Fehler, die Früchte letztes Jahr nicht rechtzeitig zu ernten und ihre Samen aussäen zu lassen…), … – werden von mir in ihre (großzügig ausgelegten) Grenzen gewiesen, um auch anderen Platz zu machen. Die vielseitig nützliche und bei uns stark wuchernde Brennnessel darf natürlich zwei größere Eckchen (z.B. rund um den Kompost) besetzt halten, einen Teil essen wir entweder weg, verarbeiten ihn zu Tee, oder er landet in einem Jauchefass.

Ich bin gerade dabei, eine Artenliste zu erstellen, was „von Natur aus“ in unserem Garten wachsen würde, und ich freue mich über jede neue Art, die ich entdecke, z.B. Mauerlattich, Rainkohl, Weidenröschen oder die pfirsichblättrige Glockenblume. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich alle zusammen habe (leider habe ich mein Gedächtnis nie auf Artenkenntnis trainiert, so dass ich die meisten im Laufe meiner Studienjahre zwar schon mal gesehen oder sogar selbst bestimmt habe, aber …); denn allein zur Bestimmung der Geschlechtsverteilung brauche ich eigentlich immer mehr als ein Individuum und dann oft sowohl Blüten als auch reife Früchte.
Etwas 50 Arten habe ich mittlerweile schon zusammen, ohne die angepflanzten oder gesäten Gemüse und Kräuter und Obststräucher, vermutlich sind es mindestens nochmal so viele, wenn ich die Grasarten, Moose und Farne noch berücksichtige.
Ich werde irgendwann bestimmt berichten.
Vielleicht machen wir auch einfach ein Buch daraus; denn mein Liebster, dessen Leidenschaft lange ausschließlich der Natur-, im Sinne von Landschafts- und Reisefotografie galt, hat mittlerweile auch ein bisschen Gefallen an MEINEM kleinen Paradies gefunden und versteht es ziemlich gut, auch unsere beblätterten Nachbarn zu portraitieren bzw. mit Hilfe der Sonne in – wie ich finde – ihr bestes Licht zu setzen.
Es wird für ihn vermutlich leider nie so paradiesisch werden wie für mich – denn die Walderdbeeren, die hier natürlich vorkommen und sich überall breit machen (dürfen!), die isst er gar nicht gerne! Für mich ist es dadurch gleich doppelt paradiesisch!!! Vor allem, weil ich jetzt hin und wieder sogar, wenn ich es nicht schaffe, alle roten Exemplare vorher wegzufutter, in den unglaublichen Genuss einer VOLLREIFEN Sammelnussfrucht (es sind nämlich gar keine Beeren!) komme. Ich hatte etwa bis zu meinem 40. Lebensjahr keine Ahnung, wiiieee süß und aromatisch Walderdbeeren schmecken können, wenn man sie lange genug reifen lässt! Außerdem habe ich neu gelernt, dass ich die besten Chancen habe, ein solches Exemplar zu erwischen, wenn ich die Blätter beiseite schiebe und weiter unten nach ihnen suche!
Für mich eine weitere paradiesische Erfahrung! 😀

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Dank für das Foto gebührt meinem Liebsten! (https://csader.de; https://natur-highlights.de)

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