Von europäischen (Feld-)Hamstern und menschlichen Hamster(käuf)ern – wie sinnvoll ist es für das eigene Überleben, unüberlegt Vorräte anzuhäufen?

Seit vielen Jahren suche ich zusammen mit anderen Biologen und Biologinnen im Frühjahr, bevor das Getreide zu hoch wird, und im Sommer, nach der Getreideernte, in Äckern von Rheinland-Pfalz – teilweise auch von Hessen oder Bayern und Baden-Württemberg – nach Spuren des Feldhamsters, genau genommen nach Löchern im Boden, die auf einen Feldhamsterbau hindeuten. Der europäische Hamster (Cricetus cricetus) steht unter Naturschutz; daher müssen seine (potenziellen) Lebensräume (Habitate) kartiert, also die Hamsterbestände gezählt und kartografisch aufgenommen und über die Jahre kontrolliert werden, um gegebenenfalls Schutz- oder Ausgleichsmaßnahmen, z.B. die Anlage von Grünstreifen mit Luzerne, in die Wege zu leiten, wenn ein Habitat z.B. bebaut werden soll.

Der von der modernen, intensiven Landwirtschaft ohnehin schon stark bedrohte Lebensraum der Hamster, v.a. Getreidefelder – aber auch zwischen Raps, Rüben und in Luzerne oder anderen „Blühstreifen“ finden wir die charakteristischen Fall- oder Schlupfröhren, die ins Innere eines Baus führen – wird zusätzlich z. B. von neu beschlossenen Wohn- oder Gewerbegebieten, aber auch Windrädern, immer mehr eingeschränkt. Dort, wo heute noch Hamster leben, in z. T. fast unvorstellbar riesigen Getreide-Monokulturen, wird ihr „Paradies“ im Sommer, wenn das Getreide reif ist, meist in kürzester Zeit abgeerntet, so dass die Hamster von einem Tag auf den anderen gleichzeitig die Deckung vor Feinden – wie dem Fuchs oder Beutegreifern aus der Luft – und die Grundlage an Nahrungsmitteln verlieren, um einen ausreichenden Wintervorrat anzulegen. Der Einsatz von „Schädlingsbekämpfungsmitteln“ und die Verarmung an Bodenlebewesen, auf deren Kalorien der „Allesfresser“ Hamster vor allem während der Jungenaufzucht angewiesen ist, durch „konventionelleBewirtschaftung dürften weitere Faktoren sein, die den Hamstern hierzulande gerade den Garaus machen. Nach unseren diesjährigen Funden von Hamsterlöchern, die – durch frisch aufgehäufte Erde, Fraßspuren oder Hamsterköttel – darauf hinweisen, dass ein Hamster dort auch tatsächlich wohnt, also noch ein und aus geht, steht es ziemlich schlecht um den Feldhamster: Wo wir vor einigen Jahren noch Dutzende von Hamsterbau-Zugängen entdecken konnten, findet sich heute oft kein einziger mehr.

Wieso funktioniert seine Überlebensstrategie, die ihn bis heute als Tierart erhalten hat, auf einmal nicht mehr? Und warum befinden sich Menschen, die „sicherheitshalber“ Vorräte oder generell materielle Dinge „hamstern“, also vorsorglich anhäufen, um „schlechte Zeiten“ zu überbrücken, auf dem Weg in eine mögliche Sackgasse?

Der Feldhamster führt im Gegensatz zum sozialen Wesen Mensch ein Einzelgänger-Dasein, der ein weiträumiges Revier gegen Artgenossen verteidigt und – auf sich allein gestellt – genug Nahrung finden und sammeln muss, um auch den Winter überleben zu können. Ein Leben als unsozialer Hamster(er) ist also nur so lange erfolgreich, so lange der verfügbare Lebensraum groß genug ist, dass sich einzelne Hamster aus dem Weg gehen können bzw. dass jeder Hamster auf „seinem Grund und Boden“ auch genug Nahrung für die Wintermonate „hamstern“ kann und das nächste Hamsterrevier gleichzeitig nicht allzu weit entfernt ist, so dass Artgenossen zur Reproduktion, also Arterhaltung, noch erreicht werden können.
Da Hamster vermutlich keine Informationsquellen haben, die ihnen aktuelle Daten und Prognosen zur zukünftigen Gesamtsituation liefern, hamstern sie oft einfach so viel Getreide wie sie kriegen können, aber zum Überleben gar nicht bräuchten. Anstatt abwägen zu können, wann es – im Sinne der Arterhaltung – vernünftig wäre, lieber selbst etwas kürzer zu treten und mit dem Anlegen von Vorräten an einem bestimmten Punkt aufzuhören, damit auch möglichst viele Artgenossen überleben können und nicht verhungern müssen, hamstert der Hamster sich im schlimmsten Fall sein eigenes Grab.

Der soziale Mensch lebt im Gegensatz zum Hamster meist dauerhaft in kleineren Gruppen und darüber hinaus auch oft auf engstem Raum, z.B. in riesigen Städten, zusammen, weil er/sie erkannt hat, wie vorteilhaft das Teilen bzw . die gemeinsame Nutzung von Ressourcen (weil unterschiedliche Menschen mit individuellen Bedürfnissen nicht immer oder nicht immer gleichzeitig dieselben benötigen!), Zusammenarbeit und gegenseitige Fürsorge und Hilfe sein kann. Deswegen verteidigen wir auch eher als Gruppe unsere Territorien gegen „Fremde“, v.a. wenn die Gefahr besteht, (über)lebenswichtige Ressourcen mit ihnen teilen zu müssen. Wenn die Nahrung in einem gemeinsamen Lebensraum knapp wird, können wir Menschen uns Informationen einholen und überlegen, ob es für die eigenen Überlebenschance sinnvoller ist, unsozial, egoistisch, zu sein und sich selbst möglichst viel und mehr als andere zu nehmen, oder alles weiterhin sozial, gerecht unter allen aufzuteilen und den eigenen Verbrauch möglichst auf das Allernötigste zum Überleben herunter zu schrauben. Beide Strategien können funktionieren, beide können schief gehen… je nachdem, ob und wann sich eine „überlebenskritische Situation“ wieder entspannt. Vernünftig wäre es, sich vor überstürzten Handlungen möglichst umfassend zu informieren, z.B. woher das, was man als Vorräte einhamstern möchte, eigentlich kommt, also ob der Nachschub längerfristig gesichert ist, und ob überhaupt die Natur, von deren Ressourcen am Ende alle Produkte abhängig sind, auch langfristig nachliefern kann, was ihr entnommen wird.

In meinen Augen ist das Hamstern sowohl für den Feldhamster als auch für uns Menschen momentan eine Sackgasse – weil alle Vorräte der Natur zur Neige gehen: die, die der Hamster zum Überleben braucht, aber auch die, die wir Menschen brauchen. Sie schwinden nicht, weil es heute zu viele echte (Feld-)Hamster gibt, sonder zu viele Menschen, die sich wie asoziale Hamster verhalten: wir nehmen uns gegenseitig verschiedenste Dinge weg, brauchen unnötig viele Ressourcen auf (hinterlassen dabei zusätzlich – im Gegensatz zum Hamster – auch noch viel zu viel Müll) und wir lassen der Natur nicht genug Raum übrig, geben ihr also gar keine Chance mehr, „nachzuliefern“, was langfristig überlebenswichtig für uns wäre. Gleichzeitig provozieren die fleißigsten „Hamsterer“ unter den Menschen überall auf der Welt – seien es Konsumgüter oder auch Geld auf dem Konto – soziale Ungerechtigkeiten, indem sie – vielleicht oft unbewusst – in Kauf nehmen, dass Artgenossen einfach weniger haben „müssen“, wenn einige sich zu viel von dem nehmen, was das Überleben aller sichert.

Ich halte dem Feldhamster die Daumen, dass mit viel Engagement, vor allem von Bauern, neue Lebensräume für ihn geschaffen werden, so dass er in Deutschland überleben kann. Die Chance besteht, wir haben auch dieses Jahr noch kleine „Hamsterhochburgen“ z.B. auf ökologisch bewirtschafteten Äckern, gefunden, aber die Zeit drängt, weil die Vernetzung zueinander fehlt, um Inzucht zu vermeiden.
Das langfristige Überleben der Menschen hängt wohl eher davon ab, ob wir in Bezug auf unsere Erde so unsozial, ohne Blick auf das „große Ganze“, kompromiss- und alternativlos weitermachen wollen wie bisher: jedes (Bundes)Land, jeder Kreis, jede Kommune, jede Partei, jedes Unternehmen, jede/r einzelne, der/die in irgendeiner Weise in erster Linie Politik für seine persönlichen Zwecke macht. Seit 1990 hat sich der Earth Overshoot Day, den kluge Köpfe jedes Jahr berechnen – der Welterschöpfungstag, an dem die verfügbaren Ressourcen für das ganze Jahr aufgebraucht sind, die sich bis zum darauffolgenden Jahr regenerieren könnten – von Dezember auf Ende Juli verschoben. Wer sich ein bisschen Zeit zum Nachdenken nimmt, könnte also absehen, dass Mutter Natur unserer „Gier“ nach mehr als sie uns bieten kann, irgendwann in absehbarer Zeit Grenzen setzen wird.
Ich interpretiere all die bisher so glimpflich für uns verlaufenden Pandemien, die in meinen Augen vor allem Menschen treffen, die sich sehr weit von ihrer Natur entfernt haben und die keine oder möglichst wenig Verantwortung für ihre Umwelt, ihren eigenen Körper, ihre Gesundheit, tragen wollen oder können, gerne als ihre Vorwarnungen. Vorwarnungen dafür, dass wir alles nur schlimmer machen, wenn wir uns weiter einseitig weg von unserem Ursprung, der Natur, bewegen: weg von unserem Respekt vor ihr, weg von Vertrauen in sie, weg von Fürsorge für sie, weg von unserer Kooperation mit, unserer Verbindung zu ihr; hin zu technischen, medizinischen oder anderen Lösungen für Probleme, die wir uns selbst durch die Entfernung von der Natur geschaffen haben, und hin zu grenzenloser Ausbeutung natürlicher Lebensräume für unzählige Tier-, Pflanzen- und Pilzarten, inklusive Bakterien und Viren, und respektloser Ausbeutung anderer Menschen – für materiellen Wohlstand und das Ideal (oder die Ideologie?) von niemals endendem Wirtschaftswachstum.

Vernünftige Grenzen, die nicht nur auf kurze Sicht von Verantwortungsbewusstsein zeugen, setzen wir Menschen, egal ob Privatmann/-frau, Unternehmer/in oder Politiker/in – genaus wie Hamster – freiwillig leider selten…

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